Zum offenen Abend beziehungsweise zur Vorauswahl für den Haidhauser Werkstattpreis im Münchner Literaturbüro traten sechs Autorinnen und Autoren an und präsentierten ihre Texte.
Den Anfang machte Herbert Holitzer mit dem Prosagedicht „Süßer Schmerz“. Die neunzehnjährige Protagonistin, die in ihrer Kindheit von ihrem Stiefvater missbraucht worden war und in einer Beziehung zu einem gewalttätigen Mann steht, berichtet über ihr Leben und ihre Gefühle und meint „Ihr seht mich nicht, ihr spürt mich nicht“, sowie, dass sie seitdem die Lust vom Schmerz nicht unterscheiden könne. Das Publikum fand das Thema herausfordernd, lobte, dass die Charakterisierung einer Borderline-Persönlichkeit gut durchgehalten sei, und diskutierte, ob die Sprache nicht jugendgemäßer sein sollte.
Lena Niekoj führte in „Die Strickjacke“ das Publikum zu ihrer Großmutter in eine Wohngruppe für Demenzkranke, wo die Leute nicht mehr wissen, wo ihr Platz am Tisch beim Essen ist und ihre Zimmer nicht mehr finden, aber noch die Kartoffeln für das Essen schälen können und wo eine andere Bewohnerin sich die Strickjacke der Großmutter anzieht, worauf sich Großmutter empört an das Pflegepersonal wendet. Die Zuhörerschaft lobte die Geschichte als einfach, aber funktionierend und realistisch, wobei die etwas unklare Erzählperspektive durchaus nicht störend wirke.
In Robert Bernaths Erzählung „Die Situation ist folgende“ wird der 20- jährige Protagonist nach einer Nacht mit Freunden von seinem Vater auf eine Autofahrt nach Frankfurt mitgenommen. Man isst in einer Bar in der Frankfurter Innenstadt. Begibt sich dann in eine andere Bar mit Tänzerinnen, wo der Vater Geschäftsfreunde trifft und mitteilt, in Zukunft werde er dort in Frankfurt arbeiten. Der Sohn konsumiert dann Pilze und landet in einem Laufhaus, fühlt sich bei einer Frau dort geborgen. Der Vater will aber zurück nach Mannheim. Der Text fand bei den Zuhörern ein geteiltes Echo, er wurde als spannend und gut erzählt gelobt, wobei der sachliche Erzählstil zu Distanz bei einer interessanten Vater-Sohn-Story führe, andere meinten, das trotz zahlreicher Bilder der Text steril erscheine und kritisierten das Fehlen von Dialogen.
Der zweite Teil des Abends begannen mit drei humoristischen Texten von Peter Walcher; im ersten „Die Flöten des Lichts“ fährt der Protagonist mit zwei Flöten, eine für den rechten und eine für den linken Nasenflügel zum Flughafen im Frack, und platzt aus den Nähten. Im zweiten „Wenn der Zug kommt“ wartet ein Mann auf dem Bahnsteig vergeblich auf den bereits lang verspäteten Zug, trifft dort auf eine Frau, der Zug trifft dann endlich ein, ist aber überfüllt und der Zugbegleiter fordert die Reisenden auf, zügig einzusteigen, worauf unser Protagonist zurückbleibt und von einer Frau gefragt wird, wann denn der nächste verspätete Zug eintrifft. Zum Schluss verlas der Autor einen fiktiven Dankesbrief an Herrn Höffner, in dem er Herrn Höflfner mitteilt, dass er sich über den Einkaufsgutschein für Möbel und Prosecco sehr gefreut habe und er Herrn Höffner gerne im Gegenzug in Kaffee und Kuchen mit seiner Ehefrau einladen möchte. Das Publikum lobte die Texte teils als sehr witzig, andere fanden aber den Humor doch etwas versteckt.
Olga Bedia Lang folgte mit einen Auszug aus einem Romanprojekt „Europäerin“. Die Protagonistin erlebt im Jahre 2008 einen Abend in Istanbul mit ihrer Cousine und einem Freund ihrer Cousine nach einem langen Einkaufsbummel. Man unterhält sich über den Tag und darüber, ob die Protagonistin den Tünel in Galata benutzt hat während die Gedanken der Protagonistin unter anderem zur Kaiserin Theodora abschweifen, und sie schließlich feststellt, dass sie den Freund der Cousine schon einmal vor vier Jahren in einer Bar getroffen hat.
Den Abschluss bildete die der Text „Kathedrale“ von Patrick Erdmann. Jemand betritt eine Kathedrale, Kerzen brennen dort und er trifft eine Frau mit einem Buch mit knalligen Umschlag in einer Tüte und es beginnt ein Dialog über den Zusammenhang von Inhalt und Umschlaggestaltung bei Büchern, darüber, wer die Frau geschickt habe und was sie im Schilde führt. Die Zuhörer fanden die Geschichte dicht konstruiert und spannend, kritisierten aber auch, dass das Geschehen für den Leser letztlich unverständlich bleibt.
Die Zuhörer wählten Olga Bedia Lang zur Tagessiegerin und Kandidatin für das Finale des Haidhauser Werkstattpreises.
Abendbericht: Rainer Kegel