Die Autorin Barbara Bacher trug, wie angekündigt, zwei autobiographische Prosastücke vor, die, wie sie erklärte, auch – wenige – fiktionale Elemente enthielten.
Die erste, vor der Pause vorgetragene Geschichte, spielt 1963 (Kennedys Ermordung findet Erwähnung), die sich erinnernde Erzählerin war etwa 13 oder 14 Jahre alt. Sie schildert die Situation, in welcher sie erfährt, dass ihr Vater (die Mutter ist mit einem anderen Mann verheiratet) nicht verunglückte, sondern Selbstmord begangen hatte. Die Darstellung dieser für das Kind außerordentlichen Situation hatte die Autorin nun klug konzipiert: Jeden morgen fuhr sie mit der Straßenbahn in die Schule. Der Straßenbahnfahrer, gleichzeitig Schaffner, ist nun das eigentliche Medium, das die Geschichte durch gezielte Fragen zu Familie, zu Mutter und Stiefvater, zum leiblichen Vater, aber auch Antworten, Reflexionen, über und mit dem wortkargen Mädchen, vorwärtstrieb. Und zwischendrin jeden Morgen die gleichen Haltestationen auf dem Weg zur Schule ausrief, die Gesprächsbeziehung zwischen ihm und dem Mädchen aber dort jeweils auf einem anderen Stand war. Das war ein Wiederholungsritual, durch das der Ablauf der Zeit ein wesentliches Merkmal der Geschichte erkennbar wurde, ihn überhaupt als symbolischen Subtext zum Ausdruck brachte. Sprachliche Eigenarten, über die wie über diese Strukturierung mit dem Publikum diskutiert wurde, fielen dabei weniger ins Gewicht. Konsequenterweise endete die Geschichte in dem Moment, indem der Fahrer auf eine andere Linie versetzt wurde, es zudem mittels eines drohenden Hinweises auf einem Schild verboten wurde, mit dem Fahrpersonal zu sprechen und die Erzählerin aus nicht ganz offenkundigen Gründen die Schule verlassen musste Die Geschichte fand gerade wegen dieses Aufbaus viel Beifall.
Die zweite Geschichte, welche die Autorin nach der Pause vortrug, sollte das typische Berliner Studentenleben in den 80iger Jahren des vorigen Jahrhunderts darstellen. Hier war das literarischen „Treibmittel“, welches die Erzählung trug, das Stilmittel der Ironie, der leicht ironischen Distanz. Die Erzählerin ist da schon Mutter von zwei Kindern. Deren Vater und Lebenspartner der Erzählerin ist Bhagwanjünger geworden und will unbedingt nach Poona (heute: Pune) fahren, um dort für eine gewisse Zeit zu leben. Die Auseinandersetzung zwischen der Erzählerin und dem neuen Bhagwanjünger bildet den wesentlichen Inhalt der Geschichte, garniert z.B. mit einer gekonnt-witzigen Darstellung der seinerzeitigen Wohnverhältnisse in Berlin oder einer für die Bhagwan-Bewegung typischen fünfstufigen Meditation.
In beiden Geschichten streute die Autorin geschickt Erinnerungsmerkmale ein, die von dem zumeist älteren Publikum sofort wiedererkannt wurden: z.B. „Kuhlenkampff“ in der ersten Geschichte oder „Nina Hagen“ in der zweiten. In der abschließenden Diskussion wurde auch ausdrücklich die verständliche und situationsgerechte Vortragsweise der Autorin gelobt. Am Ende allgemeiner, langer Beifall.
Abendbericht: Ulrich Schäfer-Newiger
Foto: Hellmuth Lang