Die Münchner Autorin Lisa Lipp, die das Einfamilienhaus abgerissen hat und seitdem im Apfelbaum lebt, wurde an diesem kalten Januarabend im Münchner Literaturbüro warm aufgenommen. Interessiert lauschte das Publikum ihren bildstarken, teils skurrilen Geschichten und Gedichten, „die eigentlich niemanden etwas angehen“.
Während ein Gedichtchen aus der Jugendzeit der Autorin über die Boa aus Goa, die sich auf der Arche Noah zurück zum Warzenschwein sehnt, dem sie gern als Wäscheleine diente, noch leicht und verspielt daherkommt, verbreitet die Erzählung „Von den Berggeschichten“ eher etwas Wehmut. Es geht darin um die fantasiereichen Geschichten, die der Vater bei den zahlreichen Familienbergtouren erdichtete, bevor er alt und bettlägerig wurde. Doch wie war das nochmal genau? Wer hat die Geschichten eigentlich erzählt? Wo waren die anderen Familienmitglieder? Und war man wirklich so oft miteinander in den Bergen? Erinnerung und Idealisierung verschwimmen. Man könnte den Vater der autofiktional erzählenden Autorin fragen, der quicklebendig im Publikum sitzt. Doch darum geht es nicht. Die Geschichten leben ohnehin weiter.
Aus einer späteren Phase, der Zeit von Lipps Anglistikstudium, stammt das mittelalterlich anmutende, englischsprachige Gedicht „The Knight“, welches eine interessante Erkenntnis thematisiert. Der Ritter, der das lyrische Ich aus dem schlimmsten Elend rettet –„out of the blue“ –, ist: das Ich selbst. Ein moderner Gedanke, verpackt in altertümlicher Manier. Dadurch entstehe Reibung, lobt das Publikum. Vielleicht wäre „Infineon“ ein passender Titel, wird vorgeschlagen, denn das lyrische Ich leidet, wie die Autorin erklärt, nicht irgendwo allein im Wald, sondern an Konflikten im Großraumbüro.
Vielschichtig und mit überraschenden Wendungen präsentierte sich auch die Hauptgeschichte des Abends: „Karibikfeeling“. Die Arbeitsamtsangestellte Frau Kraftschick verzweifelt an den unrealistischen Jobwünschen ihrer Kunden, die sie eher als „Patienten“ sieht, unvermittelbar und unselbstständig. Sie selbst träumt beim Blick in die braunen Augen ihres Zeitschriftenverkäufers am Kiosk von einer gemeinsamen Zukunft in der Karibik, so wie sie sich auf dem Poster hinter dem Angeschmachteten darstellt. Aber nix da. Eines Tages ist der Kiosk leer. Der wird nun umgebaut von dem Handwerker, der zuvor als einer ihrer Patienten vom Ballettröckchen-Verkauf träumte, sich zwischenzeitlich aber, gar nicht passiv, eine Existenz als selbstständiger Allrounder aufgebaut hat. Und nun wird es grotesk: Frau Kraftschicks Frust entlädt sich in einer sadistischen Handlung an ihrer Katze. Diese überlebt zwar den Erstickungsanfall, hervorgerufen durch den aufgetauten Frosch, den sie ihr vorsetzte. Aber der Prinz bleibt aus; Frau Kraftschick, die Unvermittelbare, gibt auf. Die Geschichte stößt auf viel Lob im Auditorium, wobei bemerkt wird, dass nicht die Arbeitsvermittlerin, sondern das Wirtschaftssystem die Illusionen zerstört. Das Ende der Geschichte hingegen wird widersprüchlich aufgenommen, zwischen „genial“ und „vergeigt“.
Eine weitere Kurzgeschichte trug den Titel „Allohm“, nach dem Namen der Helferin eines genialen, aber durchaus eigenartigen Erfinders Orzechowski. Der spricht nicht, ist übermenschlich groß und ersinnt von Zeit zu Zeit grandiose Dinge wie nicht rollende Tafelstifte oder Papier, an dem man sich nicht schneidet. Sein Arbeitgeber, die Firma Kotzebue, ist daher äußerst bemüht, das gewinnträchtige Genie zu schützen und zu päppeln. Doch eines Tages kündigt Orzechowski prompt, nach dem Erhalt eines Briefes. Es handelte sich, so sickert durch, um die Mitteilung seiner Bank, dass der Kontostand die 100-Millionen-Marke erreicht habe. Orzechowski setzt sich daraufhin auf eine thailändische Insel ab, wo er nun, nach wie vor stumm, meist vor seinem Luxushotel steht und aufs Meer schaut. Was mit seiner emsigen Helferin passiert ist, die ihm im Dienst der Firma täglich vorlas und um sein Überleben wachte, bleibt unklar. Die einzige emotionale Regung, die Orzechowski zeigte, war ein leichtes Erröten beim letzten Blickwechsel mit der Helferin, die nun, nur so viel weiß man, als Vorleserin irgendwo im Ausland arbeitet.
Eine letzte Geschichte mit dem Titel „Untertage“ kündigt die Autorin als „philosophischen Rausschmeißer“ an. Zwei Dickköpfe im Tunnel, die sich jahrelang nicht einigen können, welcher der beiden vom Eingang und welcher vom Ausgang her kommt, graben Nacht für Nacht an einem Quertunnel, denn gemeinsamen einen Weg nach draußen zu nehmen, hieße nachgeben. Und das ist für keinen eine Option.
Nicht so für die Besucher dieser gelungenen Abendlesung. Diese nehmen gerne gemeinsam mit der Autorin den Weg durch die Tür des Münchner Literaturbüros hinaus in die kalte Nacht.
Abendbericht: Simone Kayser
Foto: Christine Waßmann