Ein lyrischer Dialog – Abendbericht vom 20. Februar 2026

Vor nahezu vollbesetzten Stuhlreihen lasen die beiden Autoren Philipp Létranger und Sigune Schnabel Lyrik. Dass sie das nicht zum ersten Mal taten, erkannte man an den Büchern, die ihre Namen trugen und die auf dem Lesetisch gestapelt waren. Man hörte es auch von der ersten gelesenen Zeile an: Beide Autoren lasen so gut wie fehlerfrei, Philipp Létranger verhalten in Lautstärke, Phrasierung und Artikulation, Sigune Schnabel hingegen pathetisch-„theatrisch“, was ihrem Vortrag eine besondere Eindringlichkeit, aber auch eine gewisse Schwere verlieh, so dass sich ein Anwesender zu der Bemerkung hinreißen ließ, er könne sich nach einer gewissen Dauer dieser Schwere auch einmal ein „leicht“ gesprochenes Wort vorstellen.

Die erste Hälfte des Abends gehörte einem gemeinsamen Manuskript der Autoren mit dem Titel „Wie buchstabiert man Stille – ein lyrischer Dialog“. Die Autoren hatten zu einem vorher vereinbarten Thema einen Briefwechsel geführt, treffender formuliert: einen Gedichtwechsel, bei dem das neue Gedicht jeweils eine Antwort auf das vorangegangene darstellte. Insgesamt wurden aus diesem Gedichtwechsel drei Abschnitte vorgetragen, die jeweils aus etwa einem halben Dutzend Gedichten bestanden: „Europa“, „Vom Ungehorsam der Sprache“ und „Die Verlorenen“.

Der zweite Abschnitt regte das Publikum zu einer intensiven Diskussion an, ob Sprache eine eigene Entität darstelle, ob die Unkontrollierbarkeit nicht in der Natur der Sprache liege und ob darin nicht auch ihr Geheimnis wurzele. Immerhin könne man jedes mathematische Phänomen sprachlich beschreiben, umgekehrt sei das hingegen nicht möglich. Garniert wurde diese Diskussion mit Zitaten bekannter Philosophen, so dass das MLB kurzzeitig an ein sprachphilosophisches Proseminar erinnerte.

Im zweiten Teil des Abends trugen die Autoren Gedichte vor, die keinen beabsichtigten Zusammenhang mit dem beschriebenen Dialog haben. Die Zuhörer zeigten sich insgesamt mit der lyrischen Kunst beider Autoren, vor allem mit ihren gekonnten Sprachbildern höchst zufrieden, so dass schließlich auch einige der auf dem Tisch gestapelten Bücher ihren Eigentümer wechselten.

Ein intensiver, literarischer Abend mit anhaltendem Applaus für die Autoren.

Abendbericht: Dr. Philipp Stoll
Foto: Franz Westner