Über Gott und die Welt – Abendbericht vom 27. März 2026

Ihre Texte, erklärte die Autorin Selina Golling zu Beginn ihrer Lesung scheinbar floskelhaft, handelten über „Gott und die Welt“. Wie sich während ihrer Lesung zeigte, war die Formulierung indessen keine Floskel. Ihre zehn Texte handelten – in dieser Reihenfolge – von der Welt und – und nach der Pause – in der Tat auch von Gott. Es waren nach klassischer Einordnung Prosatexte, aber von poetischen Formulierungen und Äußerungen durchwirkt, so dass sie sich mitunter während des Fortgangs des Vortrages in Gedichte zu verwandeln schienen.

Die „Welt“ zeigte sich z.B. in den ersten beiden Texten, „Wartezimmer“, „Wursttheke“, als widerspenstige: Kleine Niederlagen des Alltags beim Warten beim Arzt und Wursteinkaufen im Lebensmittelladen werden ohne Häme geschildert, wobei die Erzählerin dabei interessante „emotionalen Haken schlug“ (Zitat aus der Diskussion).

Eine weitere Geschichte, die im „Isar Billard Bowling“ spielte, erzählte vom Unterschied zwischen schweigendem Handeln (Spielen) eines Billard spielenden und Bier trinkenden Paares (dessen Geschlecht offenbleibt) und dem Reden. „Ihre Blicke trafen sich wie die Kanten des Billardtisches“, aber als sie miteinander redeten, „glaubten sie sich kein Wort“. Das Reden zerstörte etwas Fragiles, das durch das Spielen zwischen ihnen entstanden war. Das war gekonnt und vorsichtig erzählt aus einer neutralen Erzählperspektive, welche die unausgesprochenen Hoffnungen („dieser Abend würde nie enden“) einschloss.

Die Erzählung „Sozialwohnung“ handelte von Bewohnern eines Mietshauses, die Erzählerin ist eine davon. Die mit der Zeit Wegsterbenden (drei an der Zahl) geistern durch Erzählung und Treppenhaus. Dort besteht die Gefahr, „dass man ihren Geistern entgegenrennt“, weiß die Mutter der Erzählerin. Aber es ist auch der Ort der Begegnungen der noch Lebenden, für deren Beschreibung die Autorin eine Sprache fand („sein Herz schwankte einem entgegen“), die unter der Oberfläche der Begegnungen ein tieferes, poetisch geschildertes Band offenlegte, welche die Bewohner unbewusst miteinander verband.

Der christliche Gott war in den Texten, welche die Autorin nach der Pause vortrug, mittelbar, metaphorisch, wenn auch nicht nur wohlwollend, anwesend. Etwa, indem die Erzählerin festhält, dass „Dein strafender Blick“, früh vermittelt durch die Mutter, in ihrem Leben „Platz genommen hat“. In der Geschichte „Und führe mich nicht in Versuchung“ ging es vordergründig um Kokainkonsum, was aber nicht ausdrücklich erklärt wurde. Vielmehr hielt die Autorin das Geschehen durch den Titel, oder durch Blut, welches der Erzählerin plötzlich aus der Nase lief, durch die Erwähnung einer „Ballade der Verdammten“ und ähnlichen Formulierungen, das Verständnis derart in der Schwebe, dass auch ein religiöser Kontext nicht ausgeschlossen war. Im Text mit dem Titel „Aila“ vergrub die Erzählerin ihre Melancholie im Wald, um sie bei bedarf wieder auszugraben, ihre wiederholte Bitte „bleibe noch, bleibe bei mir“ konnte auch als an eine überirdische Macht gerichtet verstanden werden. Überhaupt die Melancholie: Sie durchzog als fast nicht spürbarer, feiner Subtext alle Erzählungen.

Die Texte mit den Titeln „Fürbitte“ und „Licht“ bezogen sich offenkundiger auf Christlich-Religiöses. Einmal durch die Beschreibung des Leides anderer, in das sich das eigene Leid einreiht und die entsprechenden Fürbitten und Gebete, welche die Erzählerin ins Führbittbuch eintrug, zum anderen durch die Erwähnung des Lichtes als christliches Symbol – „ich atmete Licht“ – und durch die Bitte „Du seiest neben mir“ sowie dem Schlusswort „Amen“.

Kein Zufall war, dass die beiden letzten Texte, jedenfalls für den Berichterstatter, als die poetischsten sich zeigten. In der, auch von der Autorin souverän geführten Diskussion wurde gut und ausführlich über das Für und Wider christlicher Bezüge und Symbolik diskutiert. Die Sprache der Autorin wurde zurecht gelobt, weil sie lakonisch auf der einen Seite und wohlwollend gegenüber den Protagonisten in den Geschichten sowie andererseits jeweils eine „tiefere“ oder „andere“ Ebene des Erzählten – etwa Melancholie des Alltags – andeutete, und so geschickt und absichtlich verschiedene Verständnismöglichkeiten in der Schwebe hielten.

Am Ende des Abends langanhaltender Beifall.

Abendbericht: Ulrich Schäfer-Newiger
Fotos: Susanne Görtz