Zu diesem Themenabend unter dem Motto „Frühling“ brachten insgesamt fünf Autorinnen und Autoren Texte mit, die sie vortrugen.
In Annette Katharina Müllers Erzählung „Blaubarts Schloss“ macht die Rechtsanwältin Milena Urlaub im Mai in einem Ferienclub an der toskanischen Riviera, der ständige Animationsbetrieb wird ihr aber schnell zu viel und sie erinnert sich an einen früheren Urlaub in der gleichen Jahreszeit in der Toskana mit ihrem damaligen Kommilitonen Max in einem abgelegenen, einfachen Hotel. Bei einem Besuch in einem Dorfcafé erfährt sie, dass dieses Hotel schon länger geschlossen ist und setzt sich neben einem schiefen Olivenbaum nieder. In einem Telefonat mit ihrer Kanzlei erfährt sie die jetzige Telefonnummer von Max und es kommt zu einem kurzen Telefongespräch zwischen beiden, Melina fährt zu dem Hotel, erinnert sich wieder an das seinerzeitige Zusammensein mit Max und die Aussicht aus dem Badezimmerfenster auf wabernden Nebel, der langsamen niedersinkt, so dass die toskanischen Hügel hervorkommen.
Das Publikum lobte den Text als atmosphärisch dicht, stimmungsvoll und einfühlsam geschildert, vereinzelt befand man einzelne Wörter als kitschig oder wurde fehlende Erotik bemängelt
Günter Mitschke erheiterte das Publikum mit zwei kurzen Gedichten „Wunschzettel „mit dem Wunsch, dass der Affe endlich still sei und „Romance“: „Auf die Plätze/Balz/Erzschmelz/Schmalz“.
Danach trug Patrick Erdmann einen spontan geschriebenen Romanausschnitt vor. Thekla, eine Frau mittleren Alters und der noch sehr junge Adrian gehen in einen Park. Dort gibt Thekla dem Adrian eine Lektion im Aufreißen von Frauen, so soll er vor einer plötzlich stoppen, dann aber sofort auf die Seite gehen, um sie anzusprechen. Dem theoretischen Unterricht folgen praktische Übungen bei der Thekla Adrian und seine Versuche beobachtet. Zum Schluss gehen beide, quasi zur Nachbesprechung, in ein Café, wo Adrian einen Cappuccino trinkt und Thekla etwas von sich erzählt, etwa dass es ihr schwer fällt, Beziehungen länger aufrechtzuerhalten.
Das Publikum war durchgehend voll des Lobes über den gelungenem Text.
Nisanga Baumann trug zwei gereimte Gedichte vor. „Frühling“ und „Liebesgedicht an einem Frühlingsboten „. Besonders das Letztere über den Bärlauch gefiel dem Publikum, während beim Ersteren zu viele Klischee und gewollte Reime kritisiert wurden.
Ulrich Braun trug gleichfalls einen Romanausschnitt unter der Überschrift „A hard rain is gonna fall“ vor. Der Protagonist, Christof arbeitet mit anderen Studenten in Schleswig-Holstein an der AStA-Zeitung mit. Bei einer Autofahrt zu einer Landkommune kommt im Radio plötzlich eine Meldung über einen Atomunfall. Gegen den Widerstand einer werdenden Mutter dort, die meinte, man habe sich doch darauf geeinigt, das das Kind ohne Fernseher aufwachsen solle, wird daraufhin im Bauernhof der alte Telefunken-Fernseher notdürftig flottgemacht und man sieht die Berichte über die Katastrophe von Tschernobyl.
Christof, der in Anja, eine Schwesternschülerin, die in Hannover in einem Wohnheim lebt, verliebt ist, wobei sich beide täglich Briefe schreiben, wundert sich, das die Katastrophe und die damit verbundenen Ängste in ihren Briefen gar nicht vorkommen. Er entschließt sich sie in Hannover besuchen und erlebt dort erstmalig eine sehr seltsame Reaktion von Anja, die plötzlich regelrecht versteinert wirkt.
Die Zuhörer fanden nicht nur den Schreibstil hervorragend, sondern meinten auch, das die Geschichte den Leser überzeugend in die 1980-er Jahren zurückversetzt, wobei aber die Beziehung zwischen Christof und Anja eher in den Hintergrund tritt.
Abendbericht: Rainer Kegel
Foto: Beppo Rohrhofer