Da die Abendautorin sich wegen der widrigen Verkehrsverhältnisse (Sicherheitskonferenz) verspätete, las zu Beginn Franz Oberhofer, der sich unter den Zuhörern befand, zwei Gedichte vor, die er in seinem Smartphone gefunden hatte: „Am Brunnen“ und „Vorrat“.
Die von Athena Delere dann vorgetragenen Texte boten dem Publikum Anlass, mit der Autorin und mit sich selbst über zwei Dinge grundsätzlich zu diskutieren: Einmal darüber, was Literatur eigentlich ist. Wann, so die Frage, ist ein Text ein literarischer Text, wann ist er das noch nicht? Zum anderen: Was darf Kritik, wie weit darf Kritik gehen? Um das Ergebnis oder die Antworten vorwegzunehme: Es gab in beiden Fällen, sozusagen naturgemäß, keine.
Der Text, den die Autorin vor der Pause vortrug, ein unveröffentlichtes Kapitel aus dem Romanprojekt „Die Stimme aus der Ruine“, sollte darstellen, durch welche Umstände sie zum Schreiben veranlasst wurde. Dabei durchmischten sich Berichts- und Erzählebenen, nämlich die der Autorin und die des fiktiven Protagonisten. Erstere berichtete von ihrem Bestreben, „seit meiner Kindheit, mit Worten neue Welten zu schaffen“, von der „romantischen Schönheit der Dörfer“ und dem „gesegneten Ausblick auf das offene Meer“ usw. Die Beschreibung „furchterregender“ Gewalten der „aufständischen Natur“ fehlten ebenfalls nicht. Die Erzählebene des Protagonisten hatte die Begegnung mit jener Stimme aus der Ruine zum Inhalt, die im Titel erwähnt wird. Das war ein „dramatischer Monolog“, eine „übersinnliche Erfahrung“, der Erzähler versuchte, das „Unbegreifliche zu begreifen.“ Was freilich die Stimme konkret sagte und was sie erzählte, um was es überhaupt ging, erfuhren die Zuhörer nicht. Das sollte ein Geheimnis bleiben. Die betonten und hervorgehobenen besonderen Eigenschaften des von der Stimme Erzählten blieben Behauptungen.
Der Ausschnitt aus dem Roman „Die letzte Märchenerzählerin“ schilderte etwas konkreter eine offenbar unfreiwillige Wanderung der Erzählerin in einer wind- und sturmumtosten südlichen Landschaft in einen „nächsten Ort“ zu ihrer Mutter. Die Erzählerin verirrt sich teilweise, wird von Stechmücken heimgesucht, mit Unwetter, Gewitter, Regenmassen und einer Schlammlawine konfrontiert, muss zweimal draußen übernachten. Teilweise hörte es sich an, als ob die Protagonistin gegen die „Macht des Schicksals“, die Natur ankämpft, diese als „Widersacherin“ sich an ihr „rächen“ will, wobei aber: „Der Tod wollte mich auch nicht.“ Der vorgelesene Abschnitt endet mit einem rettenden Unterschlupf oben auf der Anhöhe.
Ihre blumige, pathosgeladene, gefühlsbehauptende Wortwahl und Sprache, erklärte die Autorin mit ihrer „emotionalen“ Erfahrung im arabischen Kulturkreis und dessen Sprache, für die „der Westen noch nicht reif ist“. Heftige Diskussionen mit dem Publikum waren die Folge. Festzuhalten bleibt, dass die Texte der Autorin die Anwesenden in höchstem Maße emotional berührten. Starker Schlussapplaus und alle Fragen offen.
Abendbericht: USN
Fotos: Simone Kayser