Gedichte sind Dialoge – Abendbericht vom 9. Oktober 2026

Gedichte, gleich in welcher Form, sind eigentlich immer Dialoge. Dialoge entweder mit einem Du, einem Wir, einem konkreten oder nicht näher spezifizierten Anderen, oder mit Gott, mit Bildern, Fotografien, Tönen, Dingen, einem Kühlschrank oder auch mit Gedichten anderer Lyriker:innen. Es sind jedenfalls aber auch immer zugleich Dialoge mit sich selbst. Davon handelten und sprachen die von Philipp Létranger vorgetragenen Texte. Es waren Gedichte, kleine, erzählende Prosastücke oder, eine Mischung aus beidem, Prosapoeme.

So enthielten viele seiner vorgetragenen Texte ausdrücklich Aussagen zu Sprache, Sprechen, Gespräche wie: „Jedes Gespräch ist ein Tanz der Erinnerungen“, oder „Gott, Bäume, Sonne und Fische“ schweigen, aber: „Wie hell ist die Sprache der Dinge!“. Erzählt wurde über ein Gespräch zwischen der „schlaflosen Nacht“ oder einem Kühlschrank und dem lyrischen, erzählenden Ich. „Wörter gruben sich schwer ins Land“, hieß es an anderer Stelle in einem Gedicht über neue oder vielmehr alte, neu verwendete Begriffe, die mit „chirurgischer Präzision“ unsere Gegenwart beschrieben, wie „hybrid“ oder „Reichweitennachteil“. Dabei befand sich das erzählende Ich an ganz verschiedenen Orten: Im Café, in der Küche, am Fenster, im Zug.

Vor allem poetische Äußerungen und Bilder wie „Nachts wächst das Gras“, „Das Geschrei der Straßenlampen“, „Alles fängt mit dem Benennen an“, oder: „Denk an die Nacht, die wir nie erlebt haben.“, „Das Beste ist, was wir träumen und wieder vergessen“, „Die Haut der Zeit hängt lose, niemand will sie bewohnen“, oder auch: „Jedes Gedicht ist eine Störung“ gaben Anlass für ausführliche Diskussionen mit und unter den Zuhörern; genauso wie vorgetragene Dialogbeispiele zwischen Texten des Autors und Fotografien Dritter. Die Gedichte des Autors evozierten Ausflüge in fast alle Richtungen des Denkens: Religion, Naturwissenschaft, Kunst, Philosophie (vor allem über die Zeit, über den Charakter der Gegenwart – hier kam sogar Augustinus ins Gespräch).

Besonderen Gesprächsstoff boten die Dialoge (der Gedichte) des Autors mit Gedichten anderer Autor:innen. Létranger trug Dialogbeispiele mit jeweils einem Gedicht von Ingeborg Bachmann und Günther Eich vor. Vor- und Nachteile solcher Dialogversuche wurden ausführlich erörtert. Wobei die Texte der anderen für Philipp Létranger Anlass waren, assoziativ zu reagieren, nicht direkt zu „antworten“. „Schutthalde für lose Gedanken“, nannte der Autor Gedichte einmal. Und zuletzt gab er sich, als einer, der zwar mit Stadtplänen aufgewachsen war, richtungslos, weil die Richtungen, in die die Poesie zeigt und wandert „kaum mehr zählbar“ sind.

Bei der durchaus überschaubaren Zahl der Zuhörer handelte es sich jedenfalls um solche, die sich erkennbar für Lyrik interessierten, für die die Texte des Autors Quellen für Assoziationen und Gedankenspiele waren, die zwar manchmal auf abseitige Pfade führten, aber gerade dadurch die poetische Kraft und die Qualität der vorgetragenen Texte beglaubigten. Daher auch laut-überzeugender Beifall zum Schluss.

Abendbericht: Ulrich Schäfer-Newiger
Foto: Jannette Hoffmann