Gegenwärtige Erinnerungen – Abendbericht vom 6. November 2026

„Die Zukunft löscht die Vergangenheit als Gegenwärtigkeit aus, sodass sie nur gegenwärtige Erinnerung sein kann.“ So hieß es in einem der Texte, die am offenen Abend vorgetragen wurden. Von 9 angemeldeten Autoren konnten nur 6 ihre Texte vortragen. Die literarische Aneignung erfolgte anhand verschiedener Themen und Textformen:

Los ging es mit „Warnfarbe“ von Stefan Priddy. Die Hauptfigur Linda trifft in der U-Bahn auf einen Unbekannten mit hellblauen Augen. Dieser verfolgt sie. Ein realitätsnaher Text, der glücklicherweise auch vom Entkommen erzählt. Durch das Spannungspotenzial des Textes, konnte der Autor die Aufmerksamkeit der Zuhörer bis ans Ende fesseln. Dem Publikum ist aufgefallen, dass der Autor selbst aus der Perspektive einer Frau erzählt. Es wurde die Frage gestellt, ob es sich um eine Halloween-Grusel-Story handele. Außerdem wurde angemerkt, dass es schwierig sei, eine Figur als Fremden in der U-Bahn zu kennzeichnen, wenn doch in der U-Bahn alle „Fremde“ sind.

Mehrere Gedichte trug Florian Scheidl vor. Diese handelten von Bildern des Lebens, der (geschwächten) Gesellschaft, Social Media, Lügenbildern, festgefahrenen Meinungen, unseren Abdrücken in der Welt und vor allem vom Schreiben selbst. Das Publikum lobte die Inhalte und die Wortspiele. Leicht kritische Anmerkungen gab es hinsichtlich des Rhythmus der Reime, der Sprache und der Art der Gedichte (Botschaftsgedichte).

Die Kurzgeschichte von Karin Riedl räumte dann den vollen Humor des Publikums ein. Es ging um die Stufe des Wahnsinns, genauer gesagt, um Olaf, der beim Umzug und mit dem Gewicht eines massiven Sekretärs die andere (namenlose) Hauptfigur regelrecht im Treppenhaus in den Wahnsinn trieb. Am Ende wurden „die Arme zu Feuer“ und Karin Riedl überzeugte das Publikum. Die sehr lebendige Erzählweise, der nachvollziehbare Umzug, mit dem sich jeder im Publikum identifizieren konnte, sowie die Doppeldeutigkeit des Textes („auf die deutsche Eiche ist noch Verlass“, „Der Druck kommt von oben“) wurden gelobt. Dabei ging es aber auch um Zivilcourage und darum, dass man manchmal Menschen hilft und diese einen dann mit ihrem negativen Gedankengut überraschen, man aber nichts sagen möchte, um die Situation nicht kippen zu lassen – wie der Sekretär, der sich nicht kippen lässt. Leichte Schwächen des Textes: Wer was sagte (Olaf oder die andere Person), war an einigen Stellen nicht immer klar.

Die zwei Kurzgeschichten sowie die anschließenden Gedichte von Gerhard Häusler waren geprägt von den Selbstaufgaben im Leben, dem Leben selbst, Tränen der Krokodile, den Schreien der Lust, Gott zum Gruße und Gottes Wort sowie der Wurzelbehandlung, die das Land braucht. Auch der Titel stammt von Gerhard Häusler. Das Publikum lobte die Reime, die gute Satzkonstruktion, die Dichte der Prosatexte und das Jonglieren der Worte wie Bälle. Das Publikum betonte jedoch auch, dass der Vortrag zu schnell vorgelesen wurde und dass die ersten zwei Prosatexte gereicht hätten, weil dann die Wirkung gänzlich aufgegangen wäre.

Der Autor Gedichteonkel traf dann mit seinen zwei Haikus und zwei Gedichten den Tiefsinn der Zuhörer. Sie lobten diesen und auch die gewisse Selbstironie der Texte und des Vortrages sowie die Dynamik, dass öfters etwas ganz Unerwartetes gekommen ist.

Der Abend verstummte dann durch die temperamentvollen „Fragen über Fragen“ von Günther Mischke, „was einem im Leben entgehe, wenn …“. Seine unbeantworteten Fragen warfen unterschiedliche Assoziationen auf und waren inspirierend. Vor allem in Zeiten der Bucket-List, von Social Media und des Gefühls, etwas zu verpassen, hat dies das Publikum berührt. Der schnelle Vortrag sowie die fehlende Möglichkeit, das Gesagte in dem Tempo zu verarbeiten, hinterließ einen leicht kritischen Beigeschmack. Auch die Fragen kamen auf, ob es sich um Poesie oder Prosa handelte? Und warum die Fragen nicht beantwortet wurden?

Fragen über Fragen – Doch auch wenn die Fragen an diesem Abend für das Publikum unbeantwortet blieben, so beantworten sie es sich im Laufe ihres Lebens selbst – nur – auf persönlicher und unterschiedlicher Weise.

Abendbericht: Jannette Hofmann
Foto: Simone Kayser