Das Publikum, das an diesem Freitagabend ins Münchner Literaturbüro gefunden hatte, hörte sechs Geschichten von Diane Gill, sechs gute Geschichten.
Im Zentrum von „Die Lesung“, die den Ersten Weltkrieg zum Thema hat, steht die alte Buchhändlerin Leonore. Sie und ihre beiden Kolleginnen haben Texte ausgewählt, die sie zu Gehör bringen wollen. Leonore glaubt fest an die Kraft erzählender Texte – und wird selbst während des Lesens von dieser Kraft überwältigt. Ihre Stimme gerät ins Zittern, als sich die Geschichte von einer Frau in einem Arbeitslager dem Ende zuneigt und offenbar wird, dass der Mensch, auf dem die ganze Hoffnung der Frau ruhte, auf „der anderen Seite des Zauns“ nicht zu finden ist.
„Philomenas letzter Pas de deux“ erzählt episodenhaft von Philomena, der Balletttänzerin, die nun eine alte Frau ist. Im Altenheim, wo sie schließlich lebt, körperlich schwach, aber mit wachem Geist, trifft sie eines Tages auf eine Krankenschwester – einen Menschen, der sie wirklich sieht, der sie nach ihren Wünschen und Bedürfnissen fragt, ihr zuhört und nicht alle Antworten schon kennt. So wird aus einem wohltuenden Bad, das die Schwester Philomena bereitet, eine Art Tanz der beiden Frauen.
In „Am Klavier“ begegnen wir einem Komponisten mit Komponierhemmung. Er ist sehr von sich überzeugt und irritiert von dieser Hemmung. „Die Finger, die die Klaviatur streiften, kannten sich nicht.“ Er lebt mit Frau, Tochter und Katze. Sie allerdings bilden lediglich den Rahmen für seine Kunst. Ob sich daran etwas ändern kann? Immerhin springt die Katze irgendwann aufs Klavier und stolziert über die Tasten. Und plötzlich sind der Rhythmus und die ersten hellen Töne da. Der Rest ergibt sich. Da war die Katze klüger als der Komponist. Sie nimmt’s mit Gleichmut.
Auch in den anderen drei Geschichten „Kastanienallee“, „Austin“ und „Opernabend“ findet sich jeweils ein Gegenüber, imaginiert oder real, auf das sich die Aufmerksamkeit richtet und die Hoffnung auf ein Echo. Die Sätze sind kurz und eindringlich. Sie fügen sich dabei, so eine Stimme aus dem Publikum, zu etwas Spielerischem, Leichtem. Und was ein Zuhörer bei einer Geschichte als „mangelnde Verankerung in der Realität“ kritisierte, machte für eine andere Zuhörerin gerade deren Zauber aus.
Gelobt wurde die Autorin auch dafür, wie ihre Geschichten enden, nämlich „mit einem Cliffhanger“, und für die „ganz eigene Melodie“ ihres Vortrags. Gute Performance!
Abendbericht: Christine Waßmann
Foto: Beppo Rohrhofer