Nachdem die Autorin, die die 2233. Lesung des Münchner Literaturbüros mit ihren Kurzgeschichten bestreiten wollte, krankheitsbedingt absagen musste, wurde aus der Freitagslesung kurzerhand ein bunter Abend, soll heißen: Jede und jeder, die/der wollte, konnte aus eigenen Werken lesen.
Den Anfang machte Valeria Vajs. Sie las aus ihrem im Selbstverlag herausgebrachten Buch „Dein Leben, ein Traum – Geschichten und Gedichte für Groß und Klein“. Ihre gereimten, dabei aussagestarken Gedichte sind grundiert von der Erfahrung, als junge Frau die Heimat verlassen und sich in einem anderen Land auf eigene Füße gestellt zu haben. Sie erzählen von tiefen Krisen – und von der Rebellion gegen die Dunkelheit. Ein wichtiges Mittel dieser Rebellion ist das Schreiben selbst. In dem Kindergedicht „Karneval im Wald“ werden die Tiere zu Menschen und die Affen zu Gitarristen. Das Leichtfüßige kann Valeria Vajs auch.
Angelika Biehl las ihre Kurzgeschichte „Die Wundersambarkeit des Seins“. Da ist ein „Sich-ins-Sein-Versenken“, ein „Gedanken-nicht-Denken“, ein „Atmen-schauen-Wahrnehmen“ einerseits und eine ganz anders gestimmte Wirklichkeit andererseits, mit Erwartungen, mit Anforderungen, mit Alltag. Trifft beides aufeinander, kommt es zu empfindlichen Störungen. Für einen noch besseren Zugang zum Text hätten sich die Zuhörenden „mehr Vorgeschichte“ gewünscht. Die Autorin hat’s notiert.
Die versierte Lyrikerin Tanja Wagner gewährte anschließend dem Publikum Einblicke in ihren im Entstehen begriffenen Gedichtzyklus zum Medusa-Mythos – samt englischsprachigem Prolog. Alle, denen, wie der Moderatorin, lediglich die „Basics“ des Mythos geläufig waren – Medusa mit ihren Schlangenhaaren, wer sie anblickt, erstarrt zu Stein, von Perseus wird sie enthauptet –, hatten ihre Freude möglicherweise in erster Linie am Rhythmus, am Sound (der eine Zuhörerin an Shakespeare denken ließ) und am Vortrag der bildgewaltigen Poeme. Auf die Frage, warum sie den Prolog, der das Medusa-Mosaik im Lichthof der LMU am Geschwister-Scholl-Platz zum Thema hat, in Englisch geschrieben habe, entgegnete Tanja Wagner, das Englische fungiere hier als Stilmittel, es gehe um eine „andere Klangmatrix“. Etwas schwergetan damit hat sich das Publikum trotzdem.
Den Abend beschloss Gerhard Häusler mit neuen aphoristischen Kommentaren zu den Zeiten, in denen wir leben, wie zum Leben als solchem. In furiosem Stakkato und hohem Tempo vorgetragen, entziehen sich die Texte dem Zugriff, dem Festhalten. Kaum hat man einen Gedanken erfasst, ist Gerhard Häusler schon beim überübernächsten. So soll es sein, sagt er, die Spurenlosigkeit sei das Ideal, „der Schnee möge unberührt bleiben“. Gleichwohl: Dass es auch um die Eisbachwelle ging, daran dürfte sich die geneigte Zuhörerschaft noch ein Weilchen erinnern.
Abendbericht: Christine Waßmann
Fotos: Jannette Hoffmann