In Wittgensteins ‚Philosophischen Untersuchungen‘ findet sich unter der Nr. 504 die interessante Sentenz: Wenn man aber sagt: „Wie soll ich wissen was er meint, ich sehe ja nur seine Zeichen“, so sage ich: „Wie soll er wissen was er meint, er hat ja auch nur seine Zeichen.“
In etwa dieser Situation befanden sich die Zuhörer während der ausgesprochen spannenden Lesung der Prosastücke von Franz Oberhofer. Wie die jeweiligen Protagonisten dieser ungeläufigen, intelligent komponierten und vorgetragenen Erzählungen, kannten auch sie (wie der Berichterstatter selbst) nur deren Einbildungen, merkwürdige Wahrnehmungen, Symbole, Zeichen und Wörter und wussten nicht oder konnten sich nicht sicher sein, was sie bedeuteten, ob die geschilderte Welt, welche die handelnden Personen mit ihnen zu erfassen versuchten oder meinten erkannt zu haben oder die ihnen durch sie widerfuhr, denn die wirkliche Welt war oder nicht doch nur eine eingebildete, alleine in ihrem Kopf existierende.
Schon in der ersten Geschichte ‚Befehl ist Befehl‘ streute der Autor geschickte surreale Bilder und Zeichen in den Text: Eine eines Morgens mit offenbar grauer Asche bedeckte, lautlose, menschenleere Welt, das Einwohnermeldeamt, in welchem der Protagonist arbeitet, ist verschlossen, ein Zettel mit einem ‚Befehl Nr. 47‘: ‚Warten Sie auf weitere Anweisungen‘ hängt an der Tür. Der Zustand hält mehrere Tage an. Er träumt von einem Mann ohne Gesicht, Der Stundenzeiger seiner Armbanduhr „schlitterte über das Ziffernblatt.“ Am Ende fährt der Protagonist mit seinem Auto sechst Gestalten -Menschen, Avatare? – um, wahrscheinlich tot. Im Inneren der Windschutzscheibe klebt ein Post-It mit der Erklärung „Befehl Nr. 51 erfolgreich ausgeführt“. Das ist alles; keine weitere Pointe.
In der Erzählung „Der rote Handschuh“ findet der Ich-Erzähler in einem antiquarisch erworbenen Buch ein Manuskript, in dem es u.a. heißt: Die Welt war voller Zeichen. Wortkaskaden wurden darin gefunden, vom Ursprung der Zeichen ist die Rede, von einem Psalm, ein Wetterbericht wird gebetet. Und erzählt wird von einem Postboten, der in alle Briefkästen einen roten Handschuh wirft. Am Ende liest der Erzähler: Du, der das liest, hat eine weitere Kaskade eröffnet. Nach der Lektüre des Manuskripts geht der Erzähler zu seinem Briefkasten und findet darin einen roten Handschuh. Ende der Geschichte.
Nach dieser Art waren bis auf eine, alle Geschichten des Autors komponiert, wenn auch jeweils in grundverschiedenen Varianten: Die Weltwahrnehmungen der Protagonisten konnten sein oder waren, aller Wahrscheinlichkeit nach, Träume, oder Tagträume mit einer Mischung aus überschießender oder völlig eingeengter Phantasie. Wie etwa in der Geschichte Sieben Minuten, in welcher das Licht schwerfällig durch das Fenster floss wie klebriger Sirup, in der Herr Kranz die Leiter trug wie ein Kreuz – um sie an einen Apfelbaum zu stellen , hochzusteigen und sich zu erhängen.
Der Vergleichspartikel „wie“ gehört zur poetologischen Grundausstattung der Erzählungen Oberhofers. ‚Poetologisch‘ deswegen, weil die Texte alle durchwoben waren mit poetischen Sätzen und Aussagen, mitunter Geheimnisse evozierend, um sie gerade nicht zu lüften. In der Erzählung Das Gesicht der zweiten Haut etwa konnte man hören: Ich würde gehen, einen neuen Satz zu beziehen oder Ich sah mich im Spiegel, als hätte ich ein Gesicht zu viel. Oder: Es war eine Rückkehr dahin, wo wir noch nie waren. Oder: Niemand atmete. Da war eine Naht durch die Sterne. Auch hier befand sich der erzählende Protagonist in einer surrealen Welt, zuletzt an einem Bahndamm im Halbkreis mit anderen, in Arbeitskleidung, nachts, bis hinter dem Bahndamm ein Licht zu erscheinen begann. Auch hier: Ende der Geschichte, alle Fragen offen.
Alle diese Protagonisten blieben merkwürdig passiv, reflektierten ihre Situation nicht, kamen aus der solipsistischen Außenwelt ihrer Innenwelt der Außenwelt nicht hinaus. Alle losen Enden der Geschichten blieben unverbunden und unverstanden.
Einzig dem Schlachter Johann in der Erzählung Über die Schulter schauen gelang ein solcher Ausweg, indem er sich verwandelte – vom Schlachter zum Bildhauer, vom tötenden Handwerker zum Künstler. Dieser Johann hatte von seinem schweigsamen Vater den Schlachtbetrieb samt Gesellen und dem alten Schlachtermesser geerbt. Er schlachtete gedankenlos, bis ihm eines Tages das Messer ausrutschte und er einen falschen Schnitt machte, wodurch sich ihm ein Gefüge im Fleisch des geschlachteten Rindes offenbarte, das er zuvor nie wahrgenommen hatte. Ab diesem Zweitpunkt änderte sich sowohl seine Außenwelt, das Innere des Schlachthauses, durch merkwürdige Begebenheiten, als auch seine Innenwelt. Diese Änderungen werden sehr geschickt erzählt. Z.B.: Eine Stimme in ihm sagte Ein Schnitt geht durch dich hindurch. Er sieht plötzlich die Schlachthalle, als sähe er sie zum ersten Mal. Kurz: Er gibt die Schlachterei auf, erschafft sich ein Atelier und formt aus Bronze, Holz usw. Gebilde, die an Fleischstücke, auseinandergenommene, geschlachtete Tierteile, z.B. eine Schulter erinnern. Die werden in einer Ausstellung – das ist die Rahmenhandlung – von Besuchern intensiv betrachtet und bewundert. Die Kunst wird hier als Ausweg aus der unsicheren, uneindeutigen, ungewissen Weltwahrnehmung dargestellt, die, wenn sie unreflektiert bleibt, zu unwirklichen, unwahren, wahnartigen Weltauffassungen führt.
Oberhofers Erzählungen sind sehr gute Beispiele fiktional-literarischer Untersuchungen philosophischer und psychologischer Phänomene der Welt- und Selbstwahrnehmung des Subjekts in der Gegenwart. Deren Aktualität zeigte sich in der intensiven, auf hohem Niveau geführten, ausführlichen Diskussion des Publikums über die einzelnen Texte und nicht zuletzt dem anerkennenden, lange anhaltende Beifall zum Schluss des Abends.
Abendbericht: Ulrich Schäfer-Newiger
Foto: Simone Kayser