Realität, Traum und Dystopie – Abendbericht vom 3. April 2026

Beim offenen Abend als Vorentscheidung für den Haidhauser Werkstattpreis am 3.4.2026 fanden sich fünf Autorinnen und Autoren ein, die sich mit ihren Texten dem Urteil des Publikums stellten.

Den Anfang machte Karsten Beckmann mit „Geräusche aus dem Off“. Der Protagonist lebt in einer mangelhaft isolierten Dachgeschosswohnung in einem Haus, das von den Eigentümern bewusst vernachlässigt wird. Dann tritt auch noch ein unerträgliches Summen aus einem vor der Wohnung gelegenen Schaltkasten für den Aufzug auf, das so laut ist, das der Protagonist nicht mehr richtig schlafen kann und es ihm immer schlechter geht. Zunächst unsicher, ob sich das Geräusch nicht etwa einbildet, erfährt er die konkrete Fehlerursache und bittet die Hausverwaltung um Abhilfe. Nachdem aber nichts geschieht, greift er drastisch zur Selbsthilfe.
Das Publikum lobte den Text als eine anschaulich beschriebene Geschichte.

Angela Gubschmidt führte die Zuhörer mit „Draußen“ in eine möglicherweise gar nicht so weit entfernte Welt, in der Menschen über eine „Smartskin“ im Bereich des Handgelenks verfügen, mit der sie auch kommunizieren können und den geschützten Bereich eines Hauses gar nicht mehr verlassen, niemand mehr auf das äußere achtet und nur CEO’s noch lesen und schreiben können. Die Protagonistin in der Geschichte, Insa geht aber nichtsdestotrotz hinaus, vorbei an Häusern deren Fassaden virtuell je nach Geschmack des Hauseigentümers und des Passanten verhindert werden können, in einem Altstadtbereich, in dem das digitale Prekariat lebt, trifft sich dort am Flussufer mit einem Mann, obwohl die Smartskin zur Warnung schon stechende Schmerzen sendet und versucht sich im Einradfahren.
Die Zuhörer lobten den Text insbesondere als stilistisch gelungen mit einer dem Inhalt angepassten Erzählweise und warfen die Frage auf, inwieweit das Thema drinnen und draußen nicht schon einen sehr alten Topos in der Literatur darstellt.

Danach fand sich der Zuhörer bei Nisanga Baumanns Text „Du“ zunächst den einer imaginären  Vergangenheit wieder. Ein altes Adelsgut mit Herrenhaus, bei dem ein Flügel immer verschlossen bleibt und über den die Haushaltshilfe Gerüchte erzählt, man habe einen Baum gefällt, in ein Bett verwandelt, in dem aber schlecht geschlafen worden wäre. Der oder die Protagonistin bringt aber die Haushaltshilfe dazu, die Tür zum verschlossenen Gebäudeflügel aufzuschließen, findet dort das aus einem einzigen Stück Holz gefertigte Bett, legt sich dort hinein und das Bett beginnt zu sprechen, bewegt sich ins Zimmer des Protagonisten bzw. der Protagonistin, die schließlich in seiner oder ihrer Wohnung in einem Hochhaus aus dem Traum aufwacht.
Das Publikum lobte die Geschichte als spannend und den gut gehaltenen Erzählton, fand aber die Auflösung der Geschichte als Traum etwas enttäuschend.

Barbara Bacher folgte sodann mit einem Text über eine Kindheit in Kassel nach dem Zweiten Weltkrieg, wo Ruinen der Spielplatz für die Kinder waren, die dort allerlei Dinge fanden und wo sich die Protagonistin an Strohhalmen verletzt. Weiter wurde von Sonntagskleidchen und Sonntagskaffee mit der Verwandtschaft, wie dem Versicherungsvertreter Onkel Otto, der schon ein Auto hat, Schlittenfahrten der Kinder im Winter, dem raschen Wiederaufbau der Stadt und dem Umzug in eine größere Wohnung mit Kinderzimmer erzählt. Das Publikum fand die Geschichte gut erzählt und die Zeit gut getroffen, vermisste aber einen Spannungsbogen.

Zum Schluss Matthias Vesely mit „Matisewk“. Die Geschichte beginnt idyllisch mit Kindheitserinnerungen über das Leben bei der Großmutter im böhmischen Land und landet in der harten Realität des alkoholkranken Protagonisten mit blutunterlaufenen Augen, die ihren Glanz verloren haben, der Krieg mit sich selbst führt, mit den Hämatomen am Körper, seit Jahren besoffen in Clubs herum hängt, aber seine Sucht nicht zugeben will.
Die Zuhörer waren voll des Lobes über die gelungene und bewegende und dabei unaufdringliche Darstellung der Lebenssituation des Protagonisten.

Das Publikum wählte Matthias Vesely zum Tagessieger und Kandidaten für das Finale des Haidhauser Werkstattpreises.

Abendbericht: Rainer Kegel
Fotos: Christine Waßmann, Beate Weinkauf