„Chapeau“ – Abendbericht vom 27. Februar 2026

….wäre zu wenig an Applaus für diesen besonderen Abend im MLB mit Jutta v. Ochsenstein und Miriam Brümmer. Silke Scheffel konnte leider nicht dabei sein. Die beiden haben die MLB-Besucher verzaubert. Jutta v. Ochsenstein las sowohl aus ihrem Lyrikband „dennoch atmen“ als auch aus den Lyrischen Prosaminiaturen „aufbrechen“ und aus neuen Werkstattaufzeichnungen.

In deinen Augen mich spiegeln/fragen nach dem Weg, der Gangart des Zarten/ das Warten und Untergehen/ um am Ende festzustellen  „die Leere der Hände zu teilen“ im Gedicht „angekommen“. Oder in „museumsreif“: „Blütengelb tropft auf Pflastersteine/und einen bestäubten Stein stecke ich in meine Tasche“ und weil Grünanlagen nachhaltig sind: „dort lege ich meinen Stein nieder/frage mich/ wer hebt uns auf.“ Einfache, schnörkellose und deshalb so gelungene Verse. „Die Eule ruft. Ich höre sie vom Rand meiner Terrasse.“ Da die Gäste auf der Terrasse so laut sind, geht das lyrische Ich in den Garten und noch weiter in den Wald in der Prosaminiatur „Hinhören. „Wo will ich hinhören. Von wem gehört werden?“ Ein feines Gehör, der scharfe Blick für Bewegungen, auch für die innersten. „Eulensinne nenne ich das. Die Eule ruft mich.“ Jutta v. Ochsenstein beobachtet kleinste Nuancen, hört zu, dringt mit mikroskopischer Genauigkeit in die tiefsten Gedichtsphären, verliert dabei aber nie die literarische Sprache. Einfach großartig.

Miriam Brümmer hingegen seziert in dem Gedichtband „Aus der Nacht“, mit oft gnadenlos lyrischem Skalpell, meisterhaft auch die dunkelsten Geheimnisse ihrer Gedichte. Legt Schicht um Schicht frei. Archaisch, wortgewaltig, hochemotional versteht sie es, die Klaviatur der Sprache zu nutzen. Schon im Vorwort „Was ich tun muss“ deutet sie das an: „Ich werde die Sätze/entblößen, ihre Haut/schälen, bis auf/den Kern“. Bei Miriam Brümmer wird auch die Luft nicht einfach dünn. Im Gedicht „Dünne Luft“ werden zuerst „die Wortkanten gewetzt/die unausgesprochen ausgedünnt haben. „Angst, Zorn, Feindbild wuchsen/messerscharf zu Klippen, die Risse in/das Lachen unserer Mundwinkel schnitten./ Im Vorbeigehen zucken die Schultern/klirrt kalter Wind am Glasrand/zerreißt das Herz in einem/ Ausweichschritt“. Präzise zeigt die lyrische Chirurgin Verletzungen und Wunden. Operation am offenen Herzen. Ohne Narkose. Das berührt sowohl Leser als auch die Autorin. Die leise, immer sanfte, magische, ja fast hypnotisierende Lesung zieht einen in den Bann dieser Geheimnisse. Auch scheinbar offene Geheimnisse kann Miriam Brümmer in Worte fassen und gekonnt adressieren, wie in dem Gedicht „Ich bin die Luft“.Ich bin Dein Durchgang/Ich wohne in Deinem Sinn. Ich bin Dein Leben, das Du nicht fassen kannst“.  Bilder und Metaphern wie gemalt. Poesie pur, nie Tagebuch. Und noch was. Im Ganz-Kurz-Gedicht „Herzverschlag“ meint sie: „Herzblut/verschossen./Kein Widerhall.“ Kein Widerhall? Doch, doch meint der Rezensent. Und wie! Das gilt übrigens für beide Dichterinnen.

Großer Applaus und Chapeau!

Abendbericht: Beppo Rohrhofer