Der abgesägte Lauf haltloser Zustände – Bericht vom 19.11.21

Die beiden Lyriker Lutz Steinbrück und Armin Steigenberger lasen in der ersten Hälfte des Abends zunächst aus ihren neusten Büchern („das ist der abgesägte lauf der welt“- Armin Steigenberger und „Haltlose Zustände“ – Lutz Steinbrück). Dabei wechselten sie sich sechsmal ab, wodurch die Unterschiede in Sprache und Gegenstände der Texte deutlicher erkennbar wurde. Steigenberger begann mit scheinbar privatem („Sie und Ich“, „Schatullen“), aber schon in diesen beiden ersten kurzen Texten bekamen die Zuhörer einen Eindruck von der gekonnten Sprach- und Wortkombinatorik, für die dieser Autor bekannt ist: eingetrümmert ist das Wort. Manchmal knirschen die Tage, wenn ich sie zurücklege in ihre SCHATULLEN. Steinbrücks Texte hingegen konzentrierten sich zunächst auf politische, gesellschaftliche Zustände im Zusammenhang mit der Vereinigung der beiden Deutschlandteile. Dabei nahm er überwiegend einen Standpunkt ein, der sich im Osten Deutschlands befindet: Abgleich ab ans Fließband Klassenfeindbild-Produktion auf Hochtouren muss laufen…

Beide Autoren hatten ihre Bücher dabei, bewarben sie, verkauften auch einige. Steigenberger machte zurecht aufmerksam auf seine eigenen, im Buch vor jedem Kapitel enthaltenen Grafiken (die aber nur sehen konnte, wer das Buch in der Hand hatte), die nach Meinung des Berichterstatters einer eigenständigen Betrachtung Wert sind. Er trug im weiteren Verlauf u.a. eines der beiden Titelgedichte (es gibt zwei mit gleichem Titel vor), einige Texte in klassischer Sonettform und auch das schon etwas berühmt gewordene Vorwortgedicht, welches anstelle eines Vorworts auch im Jahrbuch der Lyrik 2020 veröffentlicht worden war: WOHNEN just in einem grellen Vorwort…

Lutz Steinbrück hat in seinem Band auch Stadt- oder genauer: Berlingedichte versammelt, von denen einige die oben angedeutete Blickrichtung beibehalten: Zum DDR-Tennis getroffen / fernab der Sonnenallee… Entgegengestellt sind dem ‚Provinzgedichte‘ etwa Stilleben mit Streuobst. Seine Texte zeichneten sich aus durch genaue Beobachtungen, kritisch-lakonische Sprachwendungen (Alles war alles und nichts war nichts) und, wie eine Zuschauerin meinte, besseres ‚Verständnis‘.

Es entspann sich schließlich eine interessante Diskussion über die Form des Sonetts, in die Armin Steigenberger einige seiner Texte gegossen hatte. Form als Zwang, als Bereicherung, als neben dem Sprachspiel zusätzliches spielerisches Element der Gegenwartspoesie, als Selbstdisziplinierungsmittel, das waren einige hin- und hergehenden Schlagworte.

Nach der Pause trugen die beiden Autoren unveröffentlichte, sich noch in Arbeit befindende Texte vor, über die dann auch in traditioneller „Werkstattmanier“ kurze Diskussionen entstanden. Hier ging es vornehmlich um nach einer Meinung gelungene oder nach anderer Meinung misslungene Bilder (z.B. zuckerrote Malven, Steigenberger; lächelndes Gegenlicht, Steinbrück), angeblich überflüssige Füllwörter wie „quasi“ oder „letztendlich“ oder dem von Lutz Steinbrück gewagten, fragilen Vergleich zwischen der Gestalt von Restaurantkellnern und Wolkenkratzern.

Dank der beiden gesprächsfreudigen Autoren, ihren vielfältigen, unterschiedlichen Sprachverwendungen und der z.T. kritsch-erhellenden Diskussion mit ihnen über die Möglichkeiten der Lyrik, war es eine erkenntnisreich – kurzweilige Lyrik-Lesung.

Abendbericht von USN
Fotos von Susanne Görtz