Fliegende Fahrräder und ein explodierender Farbball – Bericht vom 30.12.21

Erneut erwies es sich für eine Diskussion über Literatur als sehr vorteilhaft, dass zwei Autorinnen ihre ganz unterschiedlichen Texte vortrugen. Denn erst die Unterschiede konnten die ganze Bandbreite veranschaulichen und deutlich machen, deren die literarisch-poetische Imagination fähig ist.

Petra Ina Lang begann mit Prosatexten, deren roter Faden eine jeweils überbordene Phantastik war. In der Geschichte „Meine SPAMs und ich“ waren Spams widerspenstige und freche Gesprächspartner. In „Amandas Fahrrad“ konnte das geschenkte, alte Fahrrad am Ende fliegen, weil ein junger Irokese daraus ein Fahrrad mit Flügeln gebaut hatte. Weitere flugfähige Fahrräder für die Kinder der Protagonistin folgten, und am Ende wurden wir aufgeklärt, dass sie die schwirrenden Gänse sind, die wir mitunter fliegen sehen. In der dritten, von ihr vorgetragenen Geschichte ist eine chinesische Ledertasche der Fetisch der Ich-Erzählerin, die diese Sache zu einer Art lebenden Subjekt ihres täglichen Lebens macht.

Die sich anschließende Diskussion hob den Experimentiercharakter der Texte hervor, als deren literarisches Mittel das zum Teil Märchenhafte, das Phantastische und Unrealistische erkannt wurden. In lakonischer Sprache, so wurde geurteilt, würden völlig abstruse, nichtwirkliche Dinge sozusagen normalisiert und zusammengeführt, als seien es die selbstverständlich-realistischsten Sachen der Welt. Dazu sei eben nur die Literatur in der Lage.

Wie zur Bestätigung dieses Befundes wirkte die nächste vorgetragene Geschichte „Selenes Wunsch“. Sie spielte auf dem Mond, wo irgendein, nicht näher beschriebener, also unverstandener Wettbewerb zwischen den ‚Flundern‘ und den ‚Gorks‘ stattfand. Hier war wirklich alles Märchenhaft, die Handlung abstrus gegen die Naturgesetze verstoßend, so dass einige Zuhörer kritisierten, z.T. Einzelheiten nicht nachvollziehen zu können. Ein ‚Nachschärfen‘ des Handlungszusammenhanges wurde für angemessen erachtet. In diese Kategorie der märchenhaften Geschichten gehörte schließlich noch jene mit „Schneekönigin“ betitelte, die ausdrücklich auf das gleichnamige Märchen von Hans-Christian Andersen Bezug nahm.

Petra Scherzer Gemeinhardt nannte ihre Texte, die sie alle zweimal vortrug, ‚Malereigedichte‘. Weil sie in diesen Texten, so die Autorin, Malerei, Bilder und Farben eben mittels der Sprache erkunde. Die Formen ihrer Texte reichten von lyrischer Prosa bis zu freien Versen, oder zu traditionellen Versformen, etwa Hexameter, die dann aber sogleich wieder aufgebrochen wurden. So erschienen in ihren Texten ein Edding-Stift, übermalte Astronauten, aber auch Vergil als Führer aus Dantes Inferno in der Vorhölle, sowie weiße Hunde als eine Art Seelenführer (so die Autorin). Im Gedicht „Schweigender Winter“ erschienen zunächst weiße, dann ‚graubraue‘ (eine wunderbare Worterfindung der Autorin) Geister bis ein ‚Farbball‘ explodierte. Diese Farbexplosion war das im farblosen Winter sprachlich Gesuchte. Es folgte u.a. ein Gedicht, welches nur aus Fragen eher philosophischer Art bestand, die keine Antwort fanden. Es ging der Autorin, wie sie während der Diskussion erneut betonte, um das Verhältnis Malen-Schreiben-Sprache. Während das Malen ein Ausdrucksmittel jenseits der Sprache sei, sollen die Gedichte die Möglichkeiten und Grenzen der Sprache ausloten. Anschauliches Beispiel war das zuletzt vorgetragene, so auch betitelte „Liebesgedicht“. Der Höhepunkt der extatischen Begegnung der Liebenden konnte nur noch in dem Wort „Nichts“ zum – poetisch-sprachlichen – Ausdruck kommen. Denn immerhin sollte etwas Unsagbares gesagt werden.

Unsagbares und Unmögliches zur Sprache bringen und auf diese Weise lebendig machen – das war der gemeinsame Nenner dieser sehr unterschiedlichen Texte. Sie demonstrierten, jeweils auf ihre Weise, diese einmalig-unwahrscheinlich-wunderbare Fähigkeit der Literatur.

Abendbericht von Ulrich Schäfer-Newiger