Wahnsinn und Literatur – Lesung vom 30.4.21

könnte man diesen Bericht von der Online-Lesung am 30.4.2021 betiteln, wenn man denn sicher wäre, das Krisenbewusstsein unserer Pandemiegegenwart umstandslos als Wahnsinn bezeichnen zu können. Denn von diesem Krisenbewusstsein in seinen verschiedensten Ausdrucksformen handelten die von Philipp Stoll vorgetragenen und vom Publikum heftig und ausführlich diskutierten, anspruchsvollen Texte.

Zuerst trug der Autor aus seinem Romanprojekt mit dem Titel „Wolf“ vor. Das ist der Name des Protagonisten, den der Autor als sich selbst so begreifender Krisenverlierer darstellte: Arbeitslos geworden, muss er seinen geliebten ‚Silberfeil‘ verkaufen, was ihm Anlass bietet, über die Schlechtigkeit sowohl der Welt als auch des Käufers (der den verlangten Preis umstandslos bezahlt) und insbesondere seines Vermieters zu räsonieren. Von dort gerät er übergangslos in politisch widersprüchliche Überlegungen, z.B. zur Frage, ob es überhaupt noch sinnvoll sein kann, seinen Körper in der Mucki-Bude zu trainieren und was von nun an sonst noch alles der Vergangenheit angehört, nicht mehr aber der Zukunft.

Als zumindest knifflig wurde die vom Autor gewählte Erzählperspektive gewertet: Dritte Person Singular, dennoch aber ausschließlich aus der inneren Perspektive des Protagonisten. Der Leser erfuhr nie mehr über das Geschehen, als die Hauptperson wahrnahm und subjektiv reflektierte. Die rein subjektive Wahrnehmung wurde also grammatikalisch objektiv ummäntelt. Prompt fanden einige Zuhörer die Figur unzureichend oder flach charakterisiert, das Fehlen emotionaler Prozesse wurde moniert genauso wie die vermeintliche Distanziertheit des Erzählers zur Figur oder auch die festgestellte Widersprüchlichkeit der gezeichneten Person. Dabei ging es wohl gerade um sie und um die Unmöglichkeit, subjektive und objektive Wahrnehmung der Welt überhaupt noch für sich trennen zu können. Insofern schien jedenfalls dem Berichterstatter die gewählte Erzählperspektive dem Inhalt des Ganzen angemessen

Der vom Autor so bezeichnete, daraufhin folgende ‚Prolog‘ wurde in der traditionellen objektiven Erzählperspektive dritte Person Einzahl vorgetragen. Er handelte von einem explodierenden, bis oben hin mit Sprengstoff gefüllten Lastwagen, von dessen Fahrer man nichts weiß, die Zuhörer allerdings wie beabsichtigt mit jenem ‚Wolf‘ identifizierten. Hierzu wurde vorgeschlagen, diesen Textteil doch als Prolog zu verwenden, um eine gespannte Erwartung auf das dann Folgende zu erzeugen.

Daraufhin trug der Autor 14 kurze, teils absurde Grotesken vor unter dem Titel ‚Das GAGA-Kontinuum (Variante 17 in absteigender Sortierung)‘ vor und stellte die abschließende Frage: „Und an welcher Stelle passe ich dazwischen?“. Sie riefen die heftigsten Reaktionen unter den Zuhörern hervor (von: Das ist auf keinen Fall Literatur, sondern sind psychiatrische Berichte, bis: Das ist selbstverständlich Literatur). Vor allem, dass der Autor z.T. seine eigenen Texte oder deren Inhalt am Ende ausdrücklich-verrückt bewertete („Das ist auch richtig so.“ oder „Wo man keine Wirkung nachweisen kann, da gibt es auch keine“ usw.), und dem Leser angeblich auf diese Weise vorgegeben werden sollte, wie er den Text zu verstehen habe, wurde heftig kritisiert. Dieses künstlerische Stilmittel der phantastischen Darstellungen verzerrt-paradoxer Wirklichkeiten (das ja mittlerweile auch zum politischen Stilmittel gehört und worauf der Autor wohl hinauswollte) führte jedenfalls zu einer langen, intensiven Diskussion auch über das Wesen der Literatur und war insofern für alle Beteiligten lehrreich.

Zuletzt trug der Autor eine kleine Geschichte von einem Strandbesuch in Italien vor, in welcher der Ich-Erzähler, auf dem Sand liegend, ein kleines Insekt beobachtet, welches planmäßig-unverdrossen ein Loch gräbt, etwas hineinlegt und dann wieder planmäßig verschließt. Dabei räsoniert er darüber, ob das Insekt etwas ‚wollen‘ oder ‚wissen‘ oder gar ‚denken‘ kann oder nur automatisch agiert und ob das gar auch für den Sand selbst gelten kann oder nicht. Thema war also die Naturwahrnehmung des Menschen und deren Begrenzung: Wir können nur aus unserer subjektiven Sicht die Natur (also auch Tiere) betrachten und sie nie wirklich objektiv beschreiben, uns aber auch nicht in sie hineinversetzen.

Insgesamt war das alles ein ertragreicher Abend. Nach eineinhalb Stunden wurde die Diskussion zur Zufriedenheit aller beendet.

Bericht von Ulrich Schäfer-Newiger