Der Sieg gebührt dem Ich – binär unsterblich – Abendbericht vom 2. Oktober 2026

Ein volles Haus bescherte der letzte offene Abend des Münchner Literaturbüros vor dem Finale des Haidhauser Werkstattpreises (am 10. Oktober, Gasteig HP8). Dementsprechend gut gefüllt war die Losbox mit den Bewerberinnen und Bewerbern für den Tagesieger.

Per Los gezogen wurden schließlich Simone Kayser, Thomas Wagner, Richard Mackenrodt, Fred Rauch, Robert Bernath und Ulrich Braun. Der Tagessieger war nicht leicht zu ermitteln, denn die Texte waren durchweg interessant, abwechslungsreich und gut präsentiert.

In aller Kürze (die Autorinnen und Autoren mögen es mir verzeihen, dass ich die Inhalte nur kurz darstelle): Den Anfang machte Simone Kayer mit „Das letzte Hemd“, eine Erzählung über einen Betrug, dem eine ältere Dame zum Opfer fällt. Ihr folgte Thomas Wagner mit drei Gedichten: „Die Ruhe vor dem Sturm“, „Begegnung“, „So bist du nicht“. Richard Mackenrodt präsentierte mit „Nixenhaltung leicht gemacht“ eine Erzählung über einen Autor von Ratgebern, der einer Frau mit langen dunklen Haaren auf einer Brücke hinterherspringt, um ihr das Leben zu retten. Den zweiten Teil des Abends eröffnete Fred Rauch mit Kurztexten in einer alterrealistischen Sprache, einer kunstvoll vorgetragenen Lautsprache, die Stimmungen erahnen und durch erkennbare Wörter vermutete Inhalte aufflackern ließ. In Robert Bernaths Text „Hohenasperg“ (der Beginn eines Romans mit der Festung Hohenasperg als Mittelpunkt) empfängt der Irrenhauswärter Erkel einen neuen Häftling, der sich als Mephisto vorstellt. Und selbstverständlich möchte dieser eine Einzelzelle, mit Blick auf den Schubartturm.

Den Abschluss bildete Ulrich Braun mit der Kurzprosa „Ich“ (dargestellt als Binärcode). Er erzählt die Geschichte eines Mannes, der im Krankenhaus mitverfolgt, wie die lebenserhaltenden Geräte an seinem Körper abgeschaltet werden und er stirbt. Stirbt? Nicht ganz. Sein „Ich“ bleibt zurück, auf einer Cloud seines Sohnes, der – wie abgesprochen – das Bewusstsein des Vaters dort gespeichert hat. Jetzt, in der Cloud, ist er nur „Ich“ und kann mittels Apps auf dem Handy seines Sohnes am Leben teilnehmen. Was aber und wer ist „Ich“? Und überhaupt, was bedeutet es, wenn das „Ich“ in einer Cloud lebt und unsterblich ist? Welchen Wert haben dann noch Liebe und Leben, wenn ihnen die Vergänglichkeit geraubt ist?

Die klug konstruierte und dabei kurzweilige Geschichte beeindruckte und verhalf Ulrich Braun zum Tagessieg, knapp vor Richard Mackenrodts „Nixenhaltung“ und Robert Bernaths „Hohenasperg“.

Das Publikum zollte allen Autorinnen und Autoren mit langem Applaus Anerkennung für den interessanten, vielschichtigen und sehr kurzweiligen Abend.

Abendbericht: Franz Westner