Schon einmal von Dürers Melencolia I und der Gravur der Gegenwart gehört? Das Münchner Literaturbüro lud die drei geistreichen Schöpfer dieses Mottos des Lyrikpreises München 2027 zum Lyrischen August in die Milchstraße ein. Was die Frage 1 aufwarf, wie es zu diesem Titel kam und was Harald Albrecht, Kristian Kühn und Ulrich-Schäfer Newiger damit verbinden, und Frage 2, wie sie sich selbst mit ihren eigenen lyrischen Werken beim Publikum schlagen würden.
Der Abend wurde mit Frage 2 eröffnet. Harald Albrecht, Kristian Kühn und Ulrich Schäfer-Newiger trugen je zwanzig Minuten aus sowohl veröffentlichten als auch unveröffentlichten Gedichten vor. „Nicht Worte sollen wir lesen, sondern den Menschen, den wir hinter den Worten fühlen“, sagt der Schriftsteller und Politologe Samuel Butler. Folgt man dieser Anweisung des britischen Gelehrten und Außenseiters, lässt sich der Abend leichter fassen als mit dem Aufzählen einzelner Gedichte.
„Wie / soll ich wissen, was ich denke / bevor ich hörte, was ich schrieb?“, fragt Harald Albrecht in seinem ersten Gedicht „Das Erste wieder“. Darin und ebenso bei weiteren Gedichten zeigt sich seine Lust am Rätselhaften, Spielerischen, am Aufgreifen von Impulsen und Begebenheiten aus ganz unterschiedlichen Kulturen und Zusammenhängen (Die Rosen von Jericho / Gilgamesch / Sincha Atsuhime), die Albrecht gleichzeitig gerne einfängt in formalen Strukturen wie Sonetten, Terzetten, Haikus. Das ist anspruchsvoll und – ohne die Texte vor sich zu haben – nicht immer leicht zu durchdringen. Aber, um bei Butler zu bleiben: „Die Henne ist nur ein Trick des Eis, um ein neues Ei zu produzieren.“ Wer sich darauf einlässt, wird belohnt.
Kristian Kühn geht in seinen Gedichten ganz anders vor. Er weist seinen Texten keinen festen Rahmen zu, sondern lässt sie einer Idee, einer Intention folgen. Fast beiläufig verknüpft er dabei Philosophisches und Mythisches mit Alltäglichem, erzählt von den Beatles aus seiner Jugend, von Bob Dylans Hut wie ebenso von Prometheus und Medusa und Hekate, von Michael Jackson und Orpheus, oder einem „Blub“, der wie ein sprachlicher Golem Projektionen erschafft. Dabei ein immer wieder gerne aufgegriffenes Thema: das Leben mit seinen Dämonen (Dämon Ich) und die Vergänglichkeit (Fahrt nach Icking), denen wir uns alle nicht entziehen können. Das echte Leben halt, mythologisch vertieft.
Den Abschluss bildete Ulrich Schäfer-Newiger. Auch er schlug wieder einen ganz anderen Ton an: fragend, hinterfragend, hintersinnig und nicht selten mit feinem Humor unterlegt offenbaren seine Texte ein fast kindliches Staunen auf unsere Welt. Von der „Unbezähmbarkeit des Einhorns“ über den „heiteren Dichter“, der das Schweigen befragt, von der „Vorstandwanderung“ (Irrst du dich hier, so irre ich mich in mir) bis hin zu „Jenseits des Acheron“ (Dabei klemmt / zwischen deinen Zähnen / die Münze –) verleiht Schäfer-Newiger seinen Gedichten gleichzeitig einen eigenen Rhythmus, der an Wortkunst erinnert und die Texte eingängig für die Ohren und das dazwischen macht.
Dem ersten Teil des Abends hätte aus Sicht des Moderators etwas mehr Gespräch gutgetan. Dies wurde dafür nach der Pause mit der Beantwortung von Frage 1 ausreichend nachgeholt. Das Gespräch über Dürers Melencolia und den Lyrikpreis München sowie dem Innenverhältnis der drei Macher brachte viel Charme und gute Laune mit sich und das Publikum honorierte das enorme Engagement, das Harald Albrecht, Kristian Kühn und Ulrich Schäfer-Newiger für die Sache der Poesie, die eigene wie die des Preises, aufbringen, mit großem und verdientem Applaus.
Abendbericht: Franz Westner