Die Münchner Autorin und Ärztin Ruth Gisela Gross las aus zwei Romanen, in denen sie auf sehr unterschiedliche Weise von Menschen erzählt, die sich der Kunst verschrieben haben.
Im ersten Teil des Abends präsentierte sie die Anfänge zweier Porträts aus ihrem aktuellen Schreibprojekt „Wir werden. Wir sind“ – einem Erzählzyklus über Menschen an der Schwelle ihres kreativen Outcomes. Erzählt wird in kurzen bildstarken Szenen, die collagenhaft aneinander gesetzt Momente aus verschiedenen Lebensphasen der Protagonisten wiedergeben.
Zuerst Tuan, der vietnamesische Geflüchtete, der in einem bayerischen Wald im Dienst der Gemeinde Bäume fällt. In seiner Tasche steckt ein Brief mit der Zusage einer Schweizer Filmförderung. Harz tropft, der Geruch des feuchten Holzes versetzt ihn abrupt ins Vietnam seiner Kindheit. 1976, Mekong-Delta. Im Schatten des Stelzenhauses sitzend beobachtet Tuan den Stiefvater beim Zimmern eines Holzboots. Mystisches, nur halb Bewusstes geschieht in und unter diesem Haus, im stinkenden Schlick, wo sich Schlangen und Geister tummeln, während oben darüber Alarmsirenen tönen und Bomben fallen. Verstörend auch die Affären der Mutter und ein brutales Ereignis auf der Flucht übers Meer. /Schnitt/ Der erwachsene Regisseur zurück im heute so veränderten Dorf seiner Kindheit, beim Versuch, mit der Kamera die Rätsel über Heimat und Exil einzufangen.
Im zweiten Fragment geht es um Susanna, eine von Selbstzweifeln geplagte Künstlerin, die sich vor der Leinwand stehend fragt, wann sie das letzte Mal gemalt hat, ohne an jemand anderen zu denken. Ihr Sujet – die Perspektive von unten – wurzelt in ihrer Kindheit, als sie, um zahlenden Zimmergästen Platz zu machen, unsichtbar unters Bett verschwinden musste, und von dort aus die Füße und Schuhe der Gäste zeichnete.
Der sensible Einblick ins Leben und Erleben des zeichnenden Kindes sowie das spätere Ringen der Kunststudentin, in der männerdominierten Akademie anerkannt zu werden, kamen beim Publikum gut an. Gelobt wurde die durch Abschweifen und Zurückkommen fast hypnotische Sogwirkung der Texte und dass, trotz überschaubarer Handlung, die inneren Bewegungen der Protagonisten – Susanna mehr noch als Tuan – durch die assoziative, nicht-lineare Erzählweise gut erfahrbar wurden.
Im zweiten Teil des Abends las die Autorin den Anfang ihres im Februar 2026 erschienenen historischen Romans „Die blaue Brücke“ (Scholastika), in dem die wechselhafte Geschichte der Künstlerkolonie Nidden an der Kurischen Nehrung erzählt wird. Mit dabei und live in Szene gesetzt die berühmten Gäste Thomas Mann, Lovis Corinth, Max Pechstein und andere.
Abendbericht: Simone Kayser
Foto: Jannette Hofmann