Erster Freitag im Monat = offener Abend = Vorrunde zum Haidhauser Werkstattpreis. Nicht vier, nicht sechs, nein, diesmal lasen fünf Autorinnen und Autoren ihre Texte und am Ende lagen alle in der Publikumsgunst ziemlich dicht beieinander. Doch der Reihe nach.
Zu Beginn las Esther Pfaff den Text „Der Eisbach“, einen Ausschnitt aus einem größer angelegten Projekt. Es geht um die „Krise einer Zugereisten“, die sich in Schwabing bewegt, gehend und laufend, in den Straßen, im Englischen Garten, am Eisbach. Neujahr ist vorüber. Der dunkle, düstere Eisbach spiegelt den Zustand der Protagonistin, er ist ein Bild für Depression und Kontrollverlust. Gegen Schluss deutet sich an, dass der Winter nicht ewig währt und hellere Tage kommen werden.
Das Publikum ist angetan, hätte sich nur ein etwas weniger schnelles Lesen gewünscht.
Paul Holzreiter trug den Text „Keins von den Dingern“ vor. Harmlos beginnend mit einem Ausflug zum Starnberger See, entfaltet der Text nach und nach seinen dystopischen Gehalt. Da ist ein Mann mit einer Bibel, der das nahe Weltende verkündet, eine Mutter mit ihrem Sohn, der seltsame Dinge beobachtet. Es erscheint ein Objekt „größer als ein Berg“. Mit so etwas kennt man sich auch im Luftlagezentrum Fürstenfeldbruck nicht aus.
Den langsamen, fast schleichenden Vortrag empfinden die Zuhörenden als sehr angemessen, er verstärke das Bedrohliche des Gehörten. Auch wird dem Text etwas „Zeitgeistiges“ bescheinigt: Über den Blick des Kindes nehme er die unterschwellige Angst der Gegenwart auf.
Aus ihrem Projekt „Jahr des Drachen“, das einen anderthalbjährigen Arbeitsaufenthalt in China reflektiert, las Claudia Richter zwei Episoden. Sie handeln von einer chinesischen Kollegin, ihrer krebskranken Mutter und dem eigenartigen, in der traditionellen chinesischen Medizin verwendeten „Raupenpilz“. Auch von Restaurants, Cafés und Kosmetikläden hören wir.
Weil die Texte keine Geschichte erzählen, sondern eher Schlaglichter auf die chinesische Gesellschaft werfen, werden sie als berichtartig und dokumentarisch wahrgenommen, wie durch eine Kamera gesehen. So weit die Einordnungsversuche des Publikums.
Nina Strasser hatte „zwei Gedichte“ angekündigt. Was folgte, waren zwei nicht kurze, auf Reim und Metrum verzichtende Texte. Der eine, „grenzüberschreitung“, übers Theater – eine „der Realität entrissene Welt“ – und seine Grenzen einreißende, tabubrechende Kraft, der andere, „besessenheit“, über eine Person, die nicht länger Gegenstand der Kunst ihres Gegenübers sein will, die gesehen und berührt werden will und fallengelassen wird.
Es schloss sich ein freundlicher Schlagabtausch darüber an, was denn nun ein Gedicht zu einem Gedicht macht und welche Kategorien getrost als überholt gelten können.
Günter Mitschke trug – frei – „Hartztrip im Winter“ und andere Miniaturen vor. Sie kommen Schlag auf Schlag. Knapp haben sie zu sein bei diesem Autor und eindringlich. Oft politisch, meist mit einer unerwarteten Wendung, immer hintersinnig. Wortkunst und Sprachwitz, Sprachkunst und Wortwitz.
Das funktioniere „großartig“, so eine der Stimmen aus dem Publikum.
Zur Abendsiegerin kürte das Publikum schließlich Nina Strasser. Herzliche Gratulation!
Abendbericht: Christine Waßmann
Foto: Beppo Rohrhofer