Parforce(Walküren)flug über Ur – Abendbericht vom 26. Juni 2026

Die Autorin Stefania Kuszlik stellte ein Buchprojekt vor, das sowohl sehr phantastische als auch reale, autobiographische Elemente enthielt, die sie beide in ihrer erdachten Geschichte recht geschickt miteinander verknüpfte. Ausgangssituation war, einmal, wie die Autorin einleitend erklärte, die Unkenntnis ihrer Tochter über die zeitliche Verortung der Renaissance. Dieser Unkenntnis wollte die Autorin und Mutter mit dem Buch begegnen. Sie als gelernte Architektin sei der Überzeugung, dass Epochen am ehesten an den verschiedenen architektonischen Stilen von Städten erkennbar seien; also anhand von Stadtarchitekturen am besten verdeutlicht werden könnten. Zum anderen kannte die Tochter auch ihren Vater nicht, der aus dem Zweistromland kam und dorthin auch wieder nach ihrer Geburt verschwunden war. Die Erzählerin flog also mit einem „Jahrhundertüberflieger“, in diesem Anfangsteil des geplanten Buches, mit ihrer Tochter in der Zeit zurück über das „Vaterland des Vaters“ zum Anfang des sumerischen Reiches.

Tochter und die Zuhörer lernten nun aus bildreichen Beschreibungen einiges über die Stadt Ur („die Mutter aller Städte“) am Euphrat gelegen, über deren Stadtmauern, Schutzmauern, Flutgräben, den ersten Techniken des Ziegelbrennens und Hausbaus, über erste in Tonscherben geritzte Zeichen und Zeichengruppen, über Zahlen, Zählen, Messen, über die Entwicklung der Keilschrift, über Götter und die Entstehung der sumerischen Religion und des Gottesglaubens aus der Betrachtung des Sternenhimmels, dem Deuten von Zeichen, dem Herstellen von Zusammenhängen. Die mystische Zahl 7 fand immer wieder in verschiedenen Erscheinungsweisen Erwähnung. Auch Hinweise auf die Sprachentwicklung fehlten nicht, das Gilgamesch-Epos wurde als erstes verschriftlichtes Epos vorgestellt. Im Flug sammelte die Erzählerin auf diese Weise Bruchstücke des vor Urzeiten Gewesenen und Erzählten, gleichsam wie Trophäen der Erkenntnis für Tochter (und Zuhörer und zukünftige Leser). Magisches Denken, so die Autorin, habe sie immer angezogen. Dieses fehlte auch im anderen, mütterlichen Herkunftsstrang der Tocher, in deren Familiengeschichte mit Groß- und Urgroßmutter nicht, der in der Ukraine zu verorten war. Vielleicht stammte die Großmutter von den letzten europäischen Indigenen ab, mutmaßte die Erzählerin. Skythen wurden genannt, Urvorfahren.

Diese zweite „realistische“ oder „realistischere“ Ebene, auf der auch Familienstreite und Geschwisterzwist der Erzählerin mit dem älteren Bruder ausführlich geschildert wurden, unterbrach immer einmal wieder die fantastischen Ebene, den Flug in die Vergangenheit, in die Zivilisationsgeschichte. Diese führte im schnellen Parforceflug schließlich ins uralte, antike Babylon, über dessen Architektur die Tochter (und Zuhörer) kurzweilig unterrichtet wurden.

Zwischen diese beiden Ebenen schob die Autorin noch eine dritte. Es war dies eine theatralische Ebene, in der die Autorin aus ihrer Geschichte heraustrat und als eine Art Dramaturgin oder Regisseurin auftrat, um ihrem imaginären Tech-Team (sich selbst?) Empfehlungen und Anweisungen für die Darstellung und Performance der Geschichte zu geben.
Die vielfältigen Verzweigungen zwischen den drei Ebenen und innerhalb der einzelnen Erzählebenen, die vielfältigen fantastischen und konkreten Bilder, können an dieser Stelle nicht nachgezeichnet werden, dazu waren sie viel zu filigran komponiert und dicht, teilweise poetisch, beschrieben.

Trotz der sich wiederholenden Beschreibungen alten, mythischen, magischen Denkens und Erzählens beging die Autorin nicht den naheliegenden Fehler, ihre Sprache diesem vermeintlichen Urzustand durch falsches Pathos und vermeintlich altem Duktus anzupassen. Ihre Sprache blieb stets gegenwärtig, klar und ohne überflüssige Schnörkel. Ihre Vortragsweise wurde in der Diskussion ausdrücklich gelobt.

Daher gab es während der Lesung mehrfach Zwischenbeifall und am Ende berechtigten, langen Schlussapplaus.

Abendbericht: Ulrich Schäfer-Newiger
Fotos: Franz Westner