Gedichte, die über Wasser flippern – Abendbericht vom 22. Mai 2026

„Wenn man in meinem Alter Spaß haben will, muss man Spaß machen. Darum bemühe ich mich.“ So kündigte Autor Dietmar Wielgosch seine Lesung im Münchner Literaturbüro an. Die Frage, woran sich Spaß festmacht und worin er sich begründet, spaltete an diesem Abend das Publikum. Von „herrlich“ bis „schrecklich“ lauteten die Kritiken, von „virtuos“ bis „nichtssagend“.

Bemerkenswert an diesem Abend war ganz gewiss die Vortragsweise des Autors. Wielgosch trug, die Hände in den Hosentaschen, alle Gedichte auswendig vor! Dass er dabei – in Anlehnung an seine Poetry-Vorträge – eine Geschwindigkeit vorlegte, der nicht immer leicht zu folgen war, mag ein Grund gewesen sein, dass Sprachspiele und Sprachwitz teils verloren gingen. Ein weiterer Grund für das kontroverse Argumentieren des Publikums: dass die Gedichte zuweilen wie flach geworfene Steine leicht über das Wasser flipperten, dabei aber wenig und nur kurz in die Tiefe tauchten. Das mag das eigentliche Missverständnis an diesem Abend gewesen sein. Wer Tiefe durch Verdichtung und in Metaphern verpackte Realität erwartete, musste enttäuscht werden. Wer leichte Persiflagen auf Bekanntes (Oktoberfest, Lied von der Lorelei, Oper Lodengrün, Prinzessin auf der Erbse) oder spöttisch Anstößiges (Kaplan auf der Reeperbahn) mochte, fand damit Gefallen. Am deutlichsten zeigte sich dies am Gedicht „Kaplan auf der Reeperbahn“. Der gefällige Tonfall über einen Kaplan, der auf der Reeperbahn seinen menschlich-männlichen Bedürfnissen nachgeht, regte manchen im Publikum – die Missbrauchsskandale in der Kirche unverrückbar im Bewusstsein – zu heftigem Widerspruch an. In diese Tiefen realer Problemwelten tauchte das Gedicht nicht ein, das wollte es vermutlich auch nicht, vielmehr „flipperte“ es gefällig gereimt darüber hinweg und nahm sich der kontroversen Realität nicht an. Darf es das? Natürlich. Wenn man, wie der Autor sagt, etwas Spaß haben will. Nun, der Autor darf alles! Das Publikum auch! Womit sich erklärte, dass dieses sich, der geteilten Meinung entsprechend, mit der Pause halbierte.

In der zweiten Hälfte trug Dietmar Wielgosch noch einige weitere Gedichte vor sowie einen Prosatext, der – diesmal gelesen – die eigene Kindheit aufgriff. Die „Mysterien der Kindheit“ bargen einen ruhigen Blick zurück auf eine Zeit, als die Wirtschaft schon „zu wundern angefangen hatte“. Erzählt wurden im Wesentlichen die Reisen der Großmutter in die Stadt, die in der Familie immer wieder für Aufregung sorgten – einmal, als sie ein neues Rezept mit nach Hause bringt, einen Vanillepudding, der beim Großvater seinen süßen Zauber vollkommen verfehlt, ein andermal ein Erlebnis im Zoo, bei dem ein Mann einem Elefanten (Bosco) Schnupftabak gibt. Es heißt, der Elefant habe den Mann später wiedererkannt und – hier sei vor der nachhaltigen Wirkung des Schnupftabaks gewarnt – diesen getötet.

Das verbliebene Publikum dankte dem Autor mit Applaus für seinen Vortrag.

Abendbericht: Franz Westner