Komische Vögel im Paradies – Abendbericht vom 15. Mai 2026

Ob Pinguine applaudieren können? Wenn ja – den Autorinnen und Autoren des Themenabends würden sie ganz gewiss Flügel, oder besser Flügelflossen schlagend ihre Anerkennung zollen. Denn es war durchweg bereichernd, was Hartwig Nissen, Selina Golling, Günter Mitschke, Leo Hoffmann, Walter Grassl und Petra Lang zum Thema Pinguine im Vorgarten präsentierten. Und weil nach den Pinguinen noch etwas Zeit war, fand sich auch noch Raum für eine Szene aus Ulrich Brauns Familienroman, in der die Ausstrahlung der Serie „Holocaust“ die Sicht des Protagonisten nachhaltig veränderte.

Mit „Komische Vögel“ eröffnete Hartwig Nissen den Abend. Eine Geschichte zu schreiben über komische Vögel? Nur welche Vögel? Dumm, wenn der Zettel verlorengegangen ist. Etwas mit P. wie Pelikane … oder Papageien im Vorgarten?  Heißt der Vogel nicht Neumayer. Aber ja, ein Pinguin war doch mal das Maskottchen der Station in der Antarktis – dumm nur, dass er von einer umkippenden Kamera erschlagen wurde. Jetzt steht er ausgestopft im Vorgarten. Bei Regen geht es ihm am besten, lernt das amüsierte Publikum, und auch, dass es noch einen zweiten Pinguin gibt – in der Hosentasche.

„Das Paradies ist noch in keines Menschen Herz bekommen“ beginnt Selina Golling ihren Text „Paradies“. Das Paradies ihres Protagonistenpärchens schützt ein Zaun. Er begrenzt das Paradies gegen den neuen Nachbarn – einen Pinguin. Und mit diesem ist es, als ob die Hölle näherkommt. Man – Pärchen und Pinguin – sind sich fremd, so soll es auch bleiben: der Zaun muss folglich höher werden. Der Text zeigte eine herrliche Umkehrung des Verständnisses vom Paradies, das für gewöhnlich als offen, frei und zugänglich verstanden wird.

In unnachahmlich knappster Art absolvierte anschließend Günter Mitschke einen Pinguintest. Mit wenigen Worten umrissen – standesgemäß gekleidet, der Butler; ein 50cm großer Marmorsockel mit Kaiserpinguin, um diesen herum gruppiert – wie könnte es anders sein – 30 Zwergpinguine. Und wozu dies alles? Nun, es braucht einen Leibwächter. Auch wenn das Publikum hier nicht so viel zu sagen hatte, gefielt der Pinguintest, es war schließlich auch in knappsten Worten alles gesagt.

Der Textwerkstatt gebührend diskutiert wurde Leo Hoffmans Text „Pinguine im Vorgarten“. Ihre Pinguine spielten in dem längeren Prosatext nur eine Nebenrolle. Die Hauptrolle gehörte Frau Babitsch, die im 5. Stock wohnt. Fremde Männer, klagt die über 90-Jährige ängstlich, seien in ihrem Wohnzimmer. Die Protagonistin, die wie alle anderen Personen der Erzählung ebenfalls im Haus wohnt, findet aber niemanden vor. Sie bittet Herrn Dr. Dr. Spielvogel im EG um Hilfe. In dessen Vorgarten: eine Familie von Pinguinen aus Plastik. Aber der feine Herr hat nichts übrig für die Mitwohnenden im Haus, übrigens auch nicht für die Pinguine, die schon etwas verwittert aussehen, aber schon gar nicht für eine 90-Jährige, die langsam den Verstand verliert. Plötzlich wechselt die Autorin die Perspektive – und nun sieht auch die Protagonistin die fünf Männer in Frau Babitschs Wohnzimmer. Das Publikum lobt gerade diesen Perspektivwechsel, denn er zeigt eindringlich – nun durch mit den Augen der Protagonistin – die (Kriegs-)Traumata von Frau Babitsch.

Walter Grassl lieferte als nächste wieder eines seiner typischen kurzen Bonmots und fragte, wie der Pinguin in seinen Garten kommt, der ja abgeschlossen ist? Es muss wohl am „Pin“ gelegen haben, denn bekanntlich öffnet der richtige Pin doch alle Türen. Was ein „Pin“guin im Vorgarten so macht? Na, er kackt. Und bleibt unter dem Apfelbaum, schließlich kann er ja, Vogel hin Vogel her, nicht fliegen. Das humorvolle und klug gereimte Gedicht um den richtigen Pin und seinen Pinguin fand viel Zustimmung.

Petra Langs Pinguin hieß Freddy. Frau Perreira findet ihn ölverschmiert am Strand und päppelt ihn wieder auf. Zum Dank dafür besucht Freddy sie jedes Jahr, es macht ihm auch nichts aus, dass er dafür 8.000 km zurücklegen muss. Treue, wem Treue gebührt.
Bis plötzlich sechs! Pinguine bei ihr auf dem Rasen stehen – mit rotem Eimer auf dem Kopf. Als die Nachbarin einen Eimer Sardinen bringt, eskaliert die Situation. Einer der Pinguine entdeckt noch dazu den Rasensprenger, und schon schlittern alle durch den Vorgarten. Gegen Mittag trifft endlich die Polizei ein. Woher die Pinguine kommen? Auf einem der roten Eimer steht „Sealife“. Hier also sind sie ausgebüchst. Ihr Anführer? Na klar – Freddy! Das Publikum ließ Freddy mit viel Applaus hochleben.

Den Abschluss machte Ulrich Braun mit dem Kapitel „Verspätungen 1978“. Damit spielte er auf die Schneekatastrophe im Jahr 1978 an, die damals das Land erfasste und zum Stillstand brachte. In diesem Jahr wurde auch die vierteilige US-Serie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ gedreht. Ausgestrahlt 1979 veränderte sie auch die Sicht der Familie in Ulrich Brauns Roman. Der (noch junge) Protagonist begreift, dass auch seine Familie, im Besonderen sein Onkel, der in der SS war, nicht aus dieser Geschichte wegzudenken ist. Mit der Holocaust-Serie bricht sich die Erinnerungskultur Bahn in den deutschen Familien. Ulrich Brauns Text überzeugt mit seiner ruhigen, in Erlebnissen, Erinnerungen und Rückblenden wandernden, szenischen Erzählstruktur. Auch wenn er nicht zum Thema des Abends passte, bildete er doch den gelungenen Abschluss eines Abends mit durchweg guten Texten.

Abendbericht: Franz Westner