2262. MLb-Lesung – Lyrisches Trio


Datum/Zeit
Fr., 11. September 2026
19:30
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Veranstaltungsort
MLb Milchstraße 4 München


Drei Stimmen – Ein Abgrund

Die interessanteste Lyrik der Gegenwart erklärt die Welt nicht; sie verfremdet sie. Sie misstraut den schnellen Gewissheiten, verweigert sich der glatten Erzählbarkeit und sucht jene Räume, in denen Sprache noch Risiko bedeutet. Dort, wo Wörter nicht illustrieren, sondern erschüttern. Wo Gedichte keine Antworten geben, sondern Erfahrungsräume eröffnen.

Die Lesung von Mirko Boucsein, Jannette Hofmann und Christian Dörge versammelt drei unverwechselbare poetische Positionen, die auf sehr unterschiedliche Weise genau diesen Weg beschreiten.

Mirko Boucseins Gedichte suchen den langen Atem der Welt. Wasser, Licht, Jahreszeiten und Mythos bilden kein allegorisches Inventar, sondern den lebendigen Rhythmus einer Poesie, die Verwandlung als Grundbewegung des Menschseins versteht. Seine Texte folgen keiner Dramaturgie des Konflikts. Sie vertrauen der Langsamkeit, dem Kreis, der Wiederkehr. Natur wird zur Sprache des Inneren, und das Innere antwortet mit Bildern, die älter scheinen als die Zeit, in der sie geschrieben wurden.

Jannette Hofmann setzt an einem anderen Punkt an. Ihre Gedichte betreten die Sprache nicht – sie untersuchen sie. Wörter geraten in Bewegung, Bilder wechseln unvermittelt ihre Richtung, das Alltägliche kippt ins Traumhafte, der Körper wird zum Resonanzraum sprachlicher Möglichkeiten. Ihre Texte verweigern sich jeder linearen Lesart und gewinnen gerade daraus ihre eigentümliche Freiheit. Sie entstehen im Augenblick ihrer eigenen sprachlichen Selbstbefragung.

Christian Dörges jüngste Arbeiten führen schließlich in eine Poetik der Grenzerfahrung. Expressionistische Bildverdichtung, dadaistische Sprachverschiebungen und eine beinahe architektonische Konstruktion des Gedichts verbinden sich zu einer Sprache, in der Räume, Körper und Erinnerungen ihre vertrauten Ordnungen verlieren. Seine Texte interessieren sich weniger für Wirklichkeit als für jene Bruchstellen, an denen Wirklichkeit beginnt, ihre eigene Grammatik preiszugeben.

So entsteht kein literarischer Abend im klassischen Sinn; keine Aneinanderreihung von Lesungen, keine Gegenüberstellung dreier Handschriften. Vielmehr begegnen sich drei Auffassungen davon, was Poesie heute sein kann: kontemplative Welterfahrung, experimentelle Sprachforschung, radikale existentielle Verdichtung und das Misstrauen gegenüber der Oberfläche.

DREI STIMMEN – EIN ABGRUND versteht sich deshalb nicht als Programm, sondern als Einladung. Zu einem Abend, an dem Sprache nicht erklärt, sondern erkundet wird. Zu einer Begegnung mit drei unverwechselbaren poetischen Welten, die sich weder bestätigen noch widersprechen müssen, um miteinander in einen Dialog zu treten. Es genügt, dass sie denselben Mut teilen: den Mut, dem Unbekannten eine Stimme zu geben, denn wo Sprache den Abgrund berührt, beginnt Literatur

Mirko Boucsein: Photo by Lichtbildatelier Eva Speith, Darmstadt.
Jannette Hofmann: Photo by Madeleine Wörsdörfer.
Christian Dörge: Photo by Zasu Menil/Black October-Records.